Der Nebel lichtet, der Zeitgeist verdichtet sich. Was will er uns zuflüstern? In der Politik läuft in den Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise die Ära der Charismatiker aus, der echten wie der nur darstellenden. Nach ihnen kommt laut Max Weber die bürokratisch-technokratische Herrschaft.

Silvio Berlusconi, der Cavaliere, ist weg , auf ihn folgt Mario Monti. Fast ein Jahrzehnt lang hat er als Kommissar an der Spitze der EU-Bürokratie gedient, danach als Rektor der Bocconi-Universität. In Athen regiert nun Lucas Papademos, früher Chef der Griechischen National- und der Europäischen Zentralbank; gediegener geht’s nicht. Professoren beide, sind sie so berechenbar wie eine Verkehrsampel.

Auch in Frankreich wird Weber wohl im kommenden Jahr recht behalten. Dominique Strauss-Kahn, der Machtmensch und Frauenheld der Sozialisten, ist erledigt ; an seine Stelle tritt François Hollande , ein alter Parteihase und Chefverwalter eines Departements. Ein freundlicher Sozialdemokrat, der für keine Überraschung gut ist, hat Hollande die besten Chancen, den Bühnenkünstler Sarkozy zu schlagen. Cameron in England? Kein Thatcher, nicht einmal ein Tony Blair.

Ein Blick nach Amerika. Hier verglühen die Heldenfiguren und Außenseiter der Republikaner einer nach dem anderen. Brutal ist der amerikanische Vorwahlkampf; wer stolpert, steht kaum wieder auf. Rick Perry, der Star aus Texas, hatte einen Blackout, als er abermals alle drei Bundesbehörden nennen sollte, die er unbedingt schließen will. Michele Bachmann verhaspelt sich im Gestrüpp der Tea-Party-Rhetorik. Herman Cain , der radikale Steuervereinfacher und Mann des Volkes, läuft zwar noch an der Spitze der Umfragen, aber zum Schluss wird die Partei ihn doch nicht küren. Was ihm an Amtserfahrung (null) fehlt, kann er durch pure Egomanie nicht wettmachen.

Bleibt also Mitt Romney, der wie ein Schwiegermutter-Traum aussieht; dazu punktet er mit harter Regierungserfahrung (als Gouverneur) und umso weicheren Ansichten – nicht zu rechts, nicht zu links –, die er gern anpasst. Mitt ist die Merkel der amerikanischen Politik. Die Kanzlerin ist das Modell für die postcharismatische Politik: nur ein paar Grad nach links oder rechts, keine Bocksprünge, ein kalter Blick für Mehrheiten, solides Herrschafts-Handwerk.

Warum auch nicht anderswo? Das westliche Wahlvolk baucht keine Überraschungen mehr in dieser Zeit der Schrecken. Die Wähler wollen’s berechenbar, wozu auch der Opportunismus ihrer Führer gehört, der signalisiert: Ich werde tun, was ihr jeweils wollt; ich werde mit dem Kahn nicht gegen den Wind segeln, sondern reffen und kreuzen.

Ob Weber auch in Amerika recht behält, Romney statt Obama? Dieser hat zwar 2008 mit der Charisma-Karte gestochen, danach weit nach links ausgeholt. Inzwischen aber erkennt man den "Yes we can"- Mann nicht wieder. Er kreuzt auf immer engerem Mittelkurs, sein Profil verschwimmt. Mit Romney läuft er gleichauf, alle anderen Republikaner würde er (heute) schlagen. Also liegt Weber doch richtig: Die Wahl ist zwischen einem Nicht- und einem Ex-Charismatiker.