DIE ZEIT: Herr Haslinger, wenn Ihnen als Direktor des Leipziger Literaturinstituts einer Ihrer Studenten vor ein paar Wochen die doch ziemlich haarsträubende Geschichte des "Nationalsozialistischen Untergrunds" als Erzählung angeboten hätte, was hätten Sie ihm daraufhin wohl gesagt?

Josef Haslinger: Vielleicht hätte ich gesagt, hier stimmt doch etwas nicht. Warum gibt es keine Bekennerschreiben? Warum brüsten die sich nicht mit ihren Taten?

ZEIT: Vielleicht hätte die deutsche Polizei Ihren Roman Opernball aus dem Jahr 1995 lesen sollen, um gegen Rechtsterrorismus besser gewappnet zu sein. Immerhin handelt das Buch von einer fanatischen und hermetisch abgeschotteten Kleingruppe, die aufgrund ihres Hasses gegen Ausländer mordet – sie verübt einen Anschlag auf den Wiener Opernball.

Haslinger: Manchmal hilft es eben, Romane zu lesen, Computerspiele zu spielen oder sich Hollywoodfilme anzuschauen, um zu erkennen, was künftig möglich ist.

ZEIT: Warum?

Haslinger: Weil es per se Aufgabe der Fiktion ist, einen Möglichkeitsraum auszuleuchten und sich nicht auf das zu reduzieren, was man bereits kennt. Ihre Bedeutung bekommt sie durch das Weiterdenken von Vorhandenem.

ZEIT: Welche Realität war es, von der Sie beim Schreiben Ihres Romans ausgingen?

Haslinger: Ich habe mit der Arbeit kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begonnen, als ich eine neue, mir unbekannte Form des Rechtsradikalismus in Deutschland, aber auch in Österreich beobachten musste. Zuvor waren Rechte vor allem in meiner Heimat fast immer auch Altnazis, nur durfte man sie bloß nicht so bezeichnen. Nun aber beriefen sich Jugendliche wie selbstverständlich auf den Nationalsozialismus. Ich fragte mich, was es heißt, wenn man sich auf eine Gesinnung beruft, die zum Massenmord führte.

ZEIT: Und was heißt es?

Haslinger: Dass der Massenmord als rechtsradikales Handlungsmodel wieder denkbar ist.

ZEIT: Welche Schlüsse haben Sie denn daraus gezogen?

Haslinger: Erst mal keine, ich begann mit dem Gedanken literarisch zu spielen. Ich habe mir eine Gruppe vorgestellt, die durch rechtsradikale Taten auffällt und dadurch gezwungen ist, sich selbst von der Gesellschaft zu isolieren. Dieser Gruppe verpasste ich dann eine pseudoreligiöse Mission, um sie von den dumpfen und Molotowcocktails werfenden Idioten abzugrenzen, die zu dieser Zeit die Nachrichten bestimmten, indem sie Asylbewerberheime ansteckten. Damit wollte ich die Geschichte auf ein höheres intellektuelles Niveau heben.

ZEIT: Haben Sie solche intellektuellen Rechtsradikalen bei der Recherche kennengelernt?

Haslinger: Ehrlich gesagt, habe ich mich viel mehr mit den Funktions- und Denkweisen von mittelalterlichen Sekten befasst, als mit der rechtsradikalen Szene.

ZEIT: Wieso denn das? Beruht Literatur nicht auch auf der Erfahrung des selbst Erlebten, hier also auch auf dem real existierenden Molotowcocktail-Werfer?

Haslinger: Schon. Aber ich wollte ja nicht zeigen, was ist, sondern was sein kann, wenn jemand sich berufen fühlt, den Lauf der Geschichte zu verändern.