Ein sprachvernarrter Amerikaner, Mark Twain , stößt sich im Jahre 1880 am deutschen Wort »Zug« und zählt verzweifelt dessen englische Entsprechungen auf: beim Rauchen, beim Arbeiten, am Himmel, im Gesicht, wenn Menschen flüchten... Den Zug der Posaune erwähnt er nicht, wie zum Beweis seiner Behauptung: Etwas, was Zug nicht bedeute, müsse noch erfunden werden.

Ein schachvernarrter Tscheche, Pavel Matocha, fügt im Jahre 2011 zwei Bedeutungen des deutschen Wortes »Zug« zusammen und unterhält damit eine internationale Reisegruppe aufs Beste: Er lässt den ersten Zug fahren, dessen Passagiere am Zug sind. Dies ist schon bemerkenswert, da der Zug hinter einer Lok mit dem Zug eines Springers im Tschechischen nichts gemein hat: vlak heißt der eine, tah der andere.

So hat diese Reise mit Sprachen zu tun; drei sind schon genannt, unterwegs hört man einige mehr: Slowakisch, Polnisch, Russisch, Ungarisch, Niederländisch, Französisch und eine Wiener Spezialität namens Schmäh. Wir sind in Europa und reisen durch Europa, fünf Tage lang, von Freitag bis Dienstag, von Prag bis Prag, über Wien, Budapest, Bratislava und Krakau, und die einzige Sprache, die alle Teilnehmer beherrschen, ist die Sprache des Schachs, die eine über alle Grenzen hinweg vertraute Grammatik hat, vergleichbar dem Fußball im Stadion oder dem Word-Programm auf dem Bildschirm.

Der Zug wartet am Freitagmorgen im Prager Hauptbahnhof. Aus allen Richtungen kommen die Reisenden, durch die Luft aus Paris oder Moskau, mit der Bahn aus Dresden oder aus böhmischen Dörfern. Ihre Koffer sind klein und beweglich; ein Schachturnier ist keine Modenschau. Manches originelle T-Shirt ist allerdings zu sehen, so vom »Emder Matjeslauf 2003«, einer Veranstaltung, die Fischfang und Leichtathletik in sich vereinte.

Größere Koffer haben die Zugbegleiterinnen, attraktive Tschechinnen, die sich später mehrmals am Tag etwas anderes Knappes überstreifen werden, um sich dann, offenherzig lächelnd, auf den Gängen der Waggons an den Herren vorbeizuschmiegen: ein typisch östliches Entertainment, westlichen Gender-Maßstäben eher nicht entsprechend, aber noch weit entfernt von Frivolität.

Auch der Urheber der Unternehmung, Pavel Matocha, bietet dem Auge etwas: Aus der Mitte seines dunklen Schopfes ragt eine rot getünchte Gel-Scheibe. Wollte man ihn salopp als Irokesen bezeichnen, wüsste jeder Prager Schachspieler sofort, von wem die Rede ist.

Matocha versteht sich nicht nur auf mediale Inszenierung, die mit einem Filmbericht über den Schachzug in der tschechischen Tagesschau gekrönt wird. Er hat die Reise perfekt organisiert. Sie beginnt mit einem Frühstück im prachtvollen Salon des alten Bahnhofsgebäudes. Helfer nehmen das Gepäck entgegen, im Zug an Bahnsteig 1 stehen Bretter und Uhren schon aufgebaut; die erste Partie beginnt Minuten nach der Abfahrt.

An den Tischen ist der Älteste siebzig, die Jüngste neun. 15 Partien sind zu absolvieren, sie verteilen sich ungleichmäßig auf die fünf Tage der Reise, je nach Dauer der täglichen Fahrt. Jeder Spieler hat 25 Minuten auf seiner Uhr, keine Partie währt somit länger als 50 Minuten. Dann 10 Minuten Pause, nächste Partie. Gewinner spielen gegen Gewinner, Verlierer gegen Verlierer, es ist ein Mix aus K.-o.- und Rundenturnier. Die Turnierleitung empfiehlt, die Partien mitzuschreiben, damit die Stellung rekonstruiert werden kann, falls der Zug mal plötzlich bremsen muss.

Man sitzt in Salonwagen, zu beiden Seiten Fenster, draußen zieht Europa vorbei, Häuser und Schlote und Hügel und Büsche und Wälder, anfangs noch bestaunt, aber bald richtet sich alle Konzentration auf das Spiel. Das Brett wird zur Welt. Es wird Spanisch gespielt, Italienisch, Katalanisch, Schottisch, die Wiener Partie, das Meraner System. Viele Schacheröffnungen tragen die Namen jener Regionen, in denen sie einst aufkamen; eine Verteidigung wird sogar Berliner Mauer genannt, dies allerdings wegen ihrer Undurchdringlichkeit und nicht, weil DDR-Grenzposten auf ihren Türmen sie erfunden hätten.

Fünf Internationale Meister sind an Bord

Der Schachzug besteht aus neun Wagen, die nach den ersten neun von inzwischen 15 Schachweltmeistern benannt sind. Wie passend aus tschechischer Sicht, dass der erste, Wilhelm Steinitz , 1836 im jüdischen Viertel von Prag geboren worden ist.

Steinitz reist 1862 zu einem internationalen Turnier nach London – und bleibt zwei Jahrzehnte. Er lebt vom Spiel gegen reiche Amateure in den Kaffeehäusern. Hier wird geraucht, und das nicht zu knapp; hier wird getrunken, mitnichten nur Kaffee. Schach gilt als intellektuell-verruchter Zeitvertreib zwischen Kunst und Wissenschaft.

Von diesen frühen Tagen der europäischen Schachblüte hat Pavel Matocha sich inspirieren lassen. Bei einem Turnier in Marienbad, wo er vor zwei Jahren nachts mit Freunden an der Bar saß, fiel das Wort vom Orient-Express : Man müsste einmal in einem solchen Zug spielen, alte Schauplätze ansteuern!

Als Wirtschaftsjournalist und früherer Regierungsmitarbeiter verfügt Matocha über gute Kontakte in Prag; zudem ist Tschechien ein recht übersichtliches Land. Er ruft ein paar Konzernchefs an, besucht sie auf einen Kaffee und gewinnt sie im Nu für seine Idee. Die Umsetzung dauert dann etwas länger. So erzählt er es jedenfalls. Die tschechische Eisenbahn stellt einen Sonderzug zusammen, die Lokomotiven-Reparaturfirma CZ Loko und die Era-Bank beteiligen sich und hoffen nun auf gesellschaftliche Anerkennung für ihre Schachförderung, eine in Deutschland kaum anzutreffende Haltung, obwohl auch hier ein Schachzug gewiss sofort ausgebucht wäre.

Klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.© ZEIT-Grafik Als Matocha das Projekt im Sommer auf ein paar Schach-Websites ankündigt, sind die meisten der 48 Plätze binnen weniger Tage weg; er verlängert den Zug, bis er 64 Spieler mitnehmen kann, »so viele«, sagt er, »wie das Brett Felder hat«. Und zusätzlich können ein paar Ehepartner, Freunde und Kinder mitfahren.

Manchen der 100 Reisenden macht es mehr Spaß, Partien zuzusehen, als selber zu spielen. Fünf Internationale Meister sind an Bord, dazu zwei Großmeister. Und einer jener beiden ist der legendäre Vlastimil Hort , der Mitte der achtziger Jahre aus der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik emigrierte. Der charmante, weltläufige Mann versteht es, die Zugreisenden in mehreren Sprachen mit selbst erlebten Schach-Anekdoten zu unterhalten, die ein halbes Jahrhundert umspannen.

Erzählend, gewinnend, verlierend, im Speisewagen sich stärkend oder im Liegewagen dösend, rollen die Spieler von Stadt zu Stadt. Wien, Budapest, Bratislava und Krakau sind zu besichtigen. Aber manch einer, der den ganzen Tag in einem schaukelnden Waggon sitzt und auf die Figuren starrt, fühlt sich abends, nachdem er sich zu den preiswerten Hotels, die etwas außerhalb liegen, durchgeschlagen hat, schon zu erschöpft für ein reiseführergestütztes Attraktionenabhaken.

In einem Kaffeehaus noch gemütlich eine Partie spielen, das wäre natürlich was. Wien fordert die Schachtouristen dazu heraus, rekordverdächtige 1.100 Kaffeehäuser soll es am Ort geben, wobei wohl jedes Starbuck’s mitgezählt ist. Im Café Schwarzenberg mit seinen Spiegeln und vertäfelten Wänden, den Fensterlogen und Lederbänken wäre zur Dämmerstunde hinreichend Platz. Das unwirsche Personal lässt die Spieler ihre mitgebrachten Figuren aber gar nicht erst auspacken: »Keinä Konzässion!«, und schon sind sie wieder auf der Straße. Vermutlich ist die Konzession Ende des 19. Jahrhunderts abgelaufen und seither nicht erneuert worden, zu teuär. 

Im so historischen wie vermufften Künstlertreff Hawelka ist die Geduld größer, aber trotz fortwährender Bestellung von Kleinen Schwarzen und Großen Braunen (man darf nie Kaffee sagen!), von Wiener Würsteln (wo, wenn nicht hier?), von Topfenstrudel und schließlich sogar von sagenumwobenen Buchteln (anderswo heißen sie Berliner) ziehen die Spieler bald den Unmut des Oberkellners auf sich: »Meine Herren, das gäht nät, am Wochenändä...« Die Wiener Kaffeehauskultur 2011 – schachlich ein Trauerspiel.

Gut, dass es den Schachzug gibt. Nix wie weg! Zwei Partien später ist man in Budapest. Pavel Matocha gibt den mitfahrenden Schachjournalisten Interviews im Speisewagen und lässt sein Herzensanliegen nie unerwähnt: Schach sei eine herrliche Sache, aber das Leben nicht minder; man müsse beides genießen, deshalb verbinde sein Zug das eine mit dem anderen.

In Budapest kaum angekommen, bietet der Unermüdliche gleich einen Trip ins berühmte Széchenyi-Bad an, in dem man an schwimmenden Schachbrettern andere Badegäste zu einem feucht-fröhlichen Schlagabtausch herausfordern kann. Wer zu hungrig ist fürs Bad, steht indessen vor einem ungarischen Geldautomaten und versucht zu raten, ob 100.000 Forint für ein Abendessen reichen.

"Dies ist der Beginn einer neuen Tradition"

Von Budapest geht es nach Bratislava, wo sich jedenfalls die Deutschen, Franzosen und Niederländer gleich wie zu Hause fühlen, weil die Slowakei ein ihnen vertrautes Zahlungsmittel hat. Die Straßenbahnfahrt vom Bahnhof zum Hotel kostet 90 Cent. Hier ist der Euro noch etwas wert! Die Innenstadt ist teils aufwendig restauriert, teils heruntergekommen, und wenn man hört, dass der Stundenlohn im Schnitt bei zwei Euro liegt, versteht man auf einmal, warum die Slowaken den Griechen grad nicht so sehr unter die Arme greifen wollen.

Später ein Spaziergang an der Donau, da liegen zwei Kreuzfahrtschiffe. Auf dem Oberdeck des einen leuchtet unübersehbar ein Freiluftschach. Rochieren zwischen Backbord und Steuerbord! Warum ist die Schifffahrt der Eisenbahn so weit voraus, man denke nur an die Pokerdampfer? Und wie steht es eigentlich mit der Luftfahrt? Gardez im Zeppelin, wir wären dabei!

Im Zug auf dem Weg nach Krakau weiß man nicht genau: Sind die polnischen Gleise schlechter als die slowakischen und ungarischen, oder spürt man das Rütteln nach ein paar Tagen einfach mehr? Welcher Tag ist eigentlich gerade? Der Sonderzug, der letztlich nirgendwohin fährt, hat schnell eine eigene, heiter-friedliche Sphäre des Gleitens und Geschehenlassens entfaltet.

Hektik kommt nur auf, wenn die Bedenkzeit knapp wird, wenn man nur noch Sekunden auf der Uhr hat und jeden Zug sofort ausführen muss, um nicht durch Zeitüberschreitung zu verlieren. Dann fallen Bauern um, man stellt sie wieder hin, verschiebt sie versehentlich, rückt sie zurecht, zieht, drückt die Uhr, schlägt, drückt, zieht, rückt zurecht, und dann ein Ruck durch alles durch, ach, ja, man ist ja nicht nur am Zug, auch im.

Vlastimil Hort hat es wieder einmal nicht geschafft und durch Zeitüberschreitung verloren. »Die Hände sind nicht mehr schnell genug!«, klagt er in einem kurzen Anflug von Melancholie. Die umstehenden Amateure nicken teilnahmsvoll: Das kennen sie! Und dass so ein Meister auch mal schlecht spielt, wie beruhigend! »Ich habe nicht schlecht gespielt«, tadelt sie der Meister streng. Nur eben zu langsam.

Als der Zug Krakau erreicht, sind einige Spieler schon recht ermattet. Das Hotel Conrad liegt weitab vom Zentrum zwischen Tankstelle und Stadtautobahn, die Luft ist stickig und staubig. Mancher bleibt im Speisesaal des Hotels mit seinen frisch gezogenen Złoty, isst einfach was und haut sich dann aufs Ohr.

Oder er lässt sich von der Rezeption den WLAN-Code für den mitgeschleppten Laptop geben, um sich im Internet umzusehen. Auf der deutschen Schachseite chessbase.de oder auf der russischen Seite chessdom.com sind die neuesten Partien internationaler Turniere zu studieren. Vielleicht kann man für morgen ja noch was lernen.

Die letzte Etappe, von Krakau nach Prag, hat die meisten Runden der gesamten Fahrt, fünf. Es kommt zu einem Endspurt auf Gleisen. Ob sich Alexander Dubček das je hätte träumen lassen? Der Reformer fuhr in diesen Salonwagen durch den Prager Frühling , bis ihn die Russen stoppten. Nur der letzte Wagen, erzählt der Irokese Matocha mit einem Lächeln, habe eine andere Geschichte. Der sei, vollgestopft mit Abhörgeräten, im Auftrag der tschechoslowakischen Stasi unterwegs gewesen.

Man stelle sich das vor, lang ist es noch nicht her, wuchtige Apparate mit Knöpfen aus Bakelit und glühenden Röhren. Und jeder, der etwas anderes denkt, ist ein Feind. Aber im Jahre 2011, befreit von allen Drähten, dient der Stasiwagen als Gepäckwagen. Als Teil einer Reise durch fünf mittel- und osteuropäische Staaten, auf der es nicht eine Passkontrolle gibt. Wie schön das ist.

Siegerehrung auf einem Sektempfang im Salon des Prager Hauptbahnhofs nach fünf Tagen, die sich wie zwei Wochen anfühlen. Erster ist der tschechische Meister Richard Biolek geworden – zwölf Gewinnpartien, dreimal remis, nicht eine Niederlage. Er schwenkt seine Trophäe, eine gläserne Lokomotive, und freut sich über 25.000 tschechische Kronen, eine Summe, bei der einige Teilnehmer im Saal sich jetzt fragen, wie viel Euro das gleich noch mal sind.

Großmeister Hort, der Held des Publikums, der zu seinen besten Zeiten zur Weltspitze zählte, lächelt ausnahmsweise einmal nicht. Er ist Zehnter geworden und schaut etwas säuerlich, als er seinen Trostpreis entgegennimmt, ein Schachspiel mit Trinkgläsern als Figuren.

Pavel Matocha hingegen, der sich vorgenommen hatte, mit seinem Fahrplan nicht in Zugzwang zu geraten, schwebt nach vielen Dankesworten in vielen Sprachen über dem Boden: »Dies ist der Beginn einer neuen Tradition«, schwärmt er. Nächstes Jahr will er wieder los.

Mehr Informationen zum Schachzug auf Tschechisch und Englisch unter www.praguechess.cz

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