"Let’s shoot him! Legen wir ihn um!", brüllte einer der Rebellen, ein schmächtiger Kindersoldat. Doch der Anführer der Rotte meinte nur: "Nein, er soll verrecken, wir wollen keine Kugeln vergeuden."

Wie viele Menschen unter dem Mangobaum verstümmelt wurden, kann Jarka nicht sagen. Aber den Namen des Scharfrichters wird er nie vergessen: CO Cuthands, Kommandant Handabschneider. Wie kann ein Mensch einem anderen so etwas antun?

Wir besuchen Madeleine Samuels, die gerade auf der windschiefen Veranda ihres Holzhäuschens Plastikteller abwäscht. Zu ihr, der nächsten Nachbarin, rannte der Schwerverletzte, sie goss Jod über seine Wunden und verband ihn notdürftig mit Lumpen und Windeln. "Mister Jarka starrte auf seine blutenden Armstümpfe und schrie und schrie und schrie, die ganze Nacht hindurch", erinnert sich Frau Samuels. "Die Rebellen waren vollgepumpt mit Drogen. Sie ersäuften Kinder in den Latrinen. Sie schlitzten die Bäuche von Schwangeren auf. Sie stachen Augen aus."

Verstümmeln, nicht töten – das ist Barbarei mit Kalkül: Den Opfern werden Arme, Augen, Geschlechtsteile genommen, die Organe der Schaffenskraft, Wahrnehmung und Fortpflanzung. Aus der neueren Gewaltforschung weiß man, dass im mordenden Kollektiv alle Gesetze, Werte und moralischen Tabus aufgehoben werden; die Täter steigern sich in einen regelrechten Blutrausch und empfinden absolute Macht und uneingeschränkte Freiheit.

Madeleine Samuels drückt das viel einfacher aus: "Es waren Teufel, die aus der Hölle gestiegen sind." Die Teufel töteten, folterten und vergewaltigten im Namen der Rebellentruppe RUF. Foday Sankoh, ihr Anführer, wollte die korrupte Regierung stürzen; seine Mörderbande verfolgte keine politischen Ziele, sondern wurde von der blanken Gier getrieben, vom Wahn, alles im Lande zu besitzen und zu beherrschen: Territorien, Dörfer, Viehherden, Brunnen, Nahrungsmittel, die Körper der Frauen – vor allem aber Blutdiamanten, die sie im Austausch gegen Waffen an Charles Taylor lieferten, den Staatschef des Nachbarlandes Liberia.

Vor drei Jahren stand Jusu Jarka dem Ex-Präsidenten persönlich gegenüber, in Den Haag, als Zeuge beim Sondertribunal des Internationalen Strafgerichtshofs, das Taylor wegen schwerer Kriegsverbrechen angeklagt hatte. Da saß der Warlord in feinem Zwirn und mimte den Unschuldigen. Jarka hielt ihm seine Prothesen unter die Augen. Es war eine der ergreifendsten Szenen in der seit 2007 laufenden Verhandlung. "Taylor drehte den Kopf zur Seite und ignorierte mich", erzählt Jarka. "Als ich seinen Anwalt Griffiths fragte, ob er ihn verteidigen würde, wenn sein Sohn unter den Opfern wäre, sagte er kleinlaut: ›Ich tue nur meinen Job.‹" Demnächst soll das Urteil über Taylor gefällt werden, Jarka verfolgt den Prozess sehr aufmerksam. "Das Weltstrafgericht ist eine große Errungenschaft. Die Täter wissen jetzt, dass sie immer und überall zur Verantwortung gezogen werden."

Am Morgen nach der Verstümmelung schleppte sich Jusu Jarka den Berg hinunter. Die zerklüftete Straße säumen bis heute die Ruinen niedergebrannter Häuser. Zwei Buben deuten mit neugierigem Schaudern auf seine Krallen. Manche Anwohner erkennen Jarka und grüßen ihn herzlich. Er ist prominent in Freetown, denn er hat die saumselige Regierung immer wieder ermahnt, den Kriegsopfern beizustehen. Oft war sein Bild in der Zeitung, eines zeigt ihn zusammen mit Paul Wolfowitz, dem ehemaligen Präsidenten der Weltbank. "Der gehörte auch zu denen, die Hilfe versprachen. Aber gekommen ist nichts."