Miguel schüttelt den Kopf. "Nein", sagt er, "wir können Spanien nicht regieren, da müssen wir ehrlich sein. Das haben wir nicht gelernt." Miguel wird deshalb zur Wahl gehen am nächsten Sonntag, auch wenn er nicht daran glaubt, dass er mit seiner Stimme etwas ändern kann. Weil die Demokratie längst keine Demokratie mehr ist, weil andere entscheiden, die Märkte, die Banken, aber nicht das Volk. Und weil in Spanien ohnehin seit 30 Jahren die gleichen Politiker regieren. Ob es die Sozialdemokraten der PSOE sind, die sich in Spanien noch Sozialisten nennen, oder die Konservativen der Partido Popular (PP): "Das macht keinen Unterschied."

Miguel ist Informatiker, ein netter Typ mit angegrautem Haar, der sanft spricht, auch wenn er kompromisslos formuliert. Das Wort Empörung passt nicht wirklich zu ihm. Doch der 44-Jährige ist ein Empörter, ein indignado der ersten Stunde. Im Februar hat er in Madrid zusammen mit Gleichgesinnten die Democracia Real Ya gegründet, eine der Keimzellen jener Protestbewegung, die in den Monaten darauf ganz Spanien erfasst hat . Fotografiert werden möchte er lieber nicht; sein Arbeitgeber soll nicht wissen, was er politisch treibt. Eine andere, eine bessere Demokratie – das ist Miguels Ziel.

Mariano Rajoy strafft den Oberkörper. Nein, ruft er, auch wenn das jetzt überall geschrieben werde, nun beginne nicht das Zeitalter der Technokraten in Europa. "Nun beginnt das Zeitalter der guten Regierungen." Es ist Samstagmittag, kurz nach eins, und in der Stierkampfarena von Saragossa schwenken Tausende Anhänger der Partido Popular ihre hellblauen Fahnen. Wahlkampf auf Spanisch, mit Bravo-Rufen und ohrenbetäubendem Lärm, vor prächtiger Kulisse.

"Cambio", Wechsel, steht auf den Fahnen, und dass dieser Wechsel kommen wird, scheint so gut wie gewiss. In den jüngsten Umfragen liegt die oppositionelle PP bis zu 17 Prozentpunkte vor den regierenden Sozialisten. Rajoy, 56, wird dann im dritten Anlauf endlich Ministerpräsident werden. Von dieser Wahl müsse eine Nachricht "an Europa und die Welt" ausgehen, beschwört er seine Zuhörer: "Wir werden unsere Aufgaben machen und den Euro stärken."

Eine merkwürdige Auseinandersetzung ist es, die da gerade in Spanien stattfindet. Auf der einen Seite herrscht demokratischer Alltag. Die Spitzenkandidaten touren durch das Land, geben Interviews, schütteln Hände. Der Wahltermin wurde um ein paar Monate vorgezogen, aber über ihren künftigen Ministerpräsidenten entscheiden die Wähler selbst. Das klingt banal, ist aber nicht wenig in diesen Tagen, in denen immer öfter der Eindruck entsteht, nicht das Volk suche sich seine Regierung aus, sondern die Krise, die Märkte, die EU oder andere finstere Mächte. "Spanien ist nicht Italien!" Kaum einen Satz hört man derzeit öfter in Madrid.

Dabei gehört auch Spanien zu den europäischen Krisenstaaten , seit vor drei Jahren die Immobilienblase platzte. Die Staatsverschuldung liegt mit 70 Prozent des Bruttoinlandproduktes noch vergleichsweise niedrig, doch die Neuverschuldung wächst rasant. Vor allem eine Ziffer lastet schwer: Fünf Millionen Menschen sind in Spanien arbeitslos. Die Quote liegt bei 21 Prozent, viel höher als in Italien, Portugal und sogar Griechenland. Entsprechend gering ist der Spielraum, den die künftige Regierung hat. Nicht nur Miguel und die indignados fragen sich daher, welche Wahl ihnen überhaupt bleibt.

Das Auffälligste an der Rede, die Rajoy in Saragossa hält, ist ihre Länge. Genauer: ihre Kürze. Der künftige Ministerpräsident spricht kaum 20 Minuten, eine allgemeine, schmucklose Ansprache vom Blatt. "Kein Wunder", sagt Miguel. "Rajoy will nicht sagen, was kommt." Tatsächlich liegt etwas Unausgesprochenes über diesem Wahlkampf: PSOE-Spitzenkandidat Alfredo Pérez Rubalcaba wird verlieren, weil seine Partei die Krise lange Zeit ignoriert und das Steuer zu spät herumgerissen hat. Aber Rajoy – wofür wird er gewählt?