Zuletzt beschäftigte sich Wilhelm Schmid, Philosoph der Lebenskunst, mit dem Thema Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt – so der Titel seines eben erschienenen Buches. Ein guter Gesprächspartner also für unsere Frage: Was sagt uns das Sprichwort "Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach"?

ZEITmagazin: Herr Professor Schmid, sagt Ihnen dieses Sprichwort etwas?

Wilhelm Schmid: Es sagt mir sehr viel. Für mich liegt darin ein großer Sinn. Der Spatz steht für das Alltägliche, für das Gewöhnliche. Ich habe ihn in der Hand, das heißt, ich verfüge über ihn. Über die Taube dagegen verfüge ich nicht: Sie ist das Ungewöhnliche, das Spektakuläre. Wenn ich versuchen würde, sie zu fangen, würde sie wegfliegen. Heute ist der Spatz allerdings nicht mehr zeitgemäß. Der moderne Mensch will nur das Tollste, Beste, Schönste. Darunter tut er es nicht. Das hat Konsequenzen: Er ist nie zufrieden. Das trifft im Beruf zu, aber besonders in der Liebe.

ZEITmagazin: Heißt das, man sollte sich mit der zweiten Wahl zufriedengeben, wenn der Traumpartner nicht erreichbar ist?

Schmid: Es macht die Sache jedenfalls schwieriger, wenn jeder die Taube will und keiner mehr auf die Idee kommt, dass der Spatz in der Hand vielleicht schon die Taube ist. Kaum einem kommt es auch in den Sinn, sich zu sagen: Ich bin ja selbst nur ein Spatz und habe wenig Aussicht auf eine Taube. Und selbst jene, die die Taube kriegen, haben ein Problem, denn bald schon kann sie wieder zu einem anderen fliegen.

ZEITmagazin: Woher weiß man, was Taube ist, was Spatz?

Schmid: Dafür gibt es keinen theoretischen Maßstab. Das ist eine Frage der Einschätzung und der Entscheidung.

ZEITmagazin: Wie lange sollte man seinen Träumen hinterherlaufen – und wann sollte man sich mit dem zufriedengeben, was man hat?

Schmid: Der kleine, robuste Spatz steht für den Alltag, und ich rate dazu, sich stärker mit dem Alltag anzufreunden, gerade in der Liebe, in der viele von der Taube oder vom Täuberich träumen. Es ist ein moderner Irrtum, zu glauben, die Liebe könne ausschließlich auf Gefühlen beruhen und auf den Alltag verzichten. Früher war das umgekehrt. Im Leben spielt der Alltag eine sehr große Rolle, und diejenigen, die ständig gegen ihn aufbegehren, reiben sich auf.

ZEITmagazin: Liegt im Sich-Zufriedengeben nicht etwas Resignatives?

Schmid: Wenn es bei der Zufriedenheit allein bleibt, ja. Aber gerade dann, wenn ich auch mal mit dem Gewöhnlichen zufrieden bin, kann ich mich zum Außergewöhnlichen aufschwingen, auch mit ein und demselben anderen. Der Mensch will natürlich immer wieder aufbrechen und nach den Sternen greifen.