Im nordgeorgischen Dorf Adischi leben noch vier Familien. Eine lebt direkt am Flussufer, die hält sich aus allem raus. Eine lebt etwas höher am Hang, die ist gerade verreist. Zwei leben am Dorfeingang, die sind miteinander verfeindet. Ab und zu geraten Touristen zwischen die Fronten.

Vor einer halben Stunde hat die granitgraue Doppelspitze des Berges Uschba die Sonne verschluckt. Für die Bewohner von Adischi ist die Zeit gekommen, langsam nervös zu werden. Wer jetzt noch ein Bett frei hat, geht heute Nacht vielleicht leer aus. Drei Wanderer, die letzten Ankömmlinge an diesem Tag, haben an der einzigen Kreuzung des Dorfes die Rucksäcke zu Boden fallen lassen. Sie biegen die Rücken, wischen sich den Schweiß von den Schläfen. Und schon ist der Kampf um ihre Gunst entbrannt.

Der Nachbar von rechts tobt brüllend über den Schotterweg, die Faust wild kreisend. Die Ehefrau, fest an sein Hemd geklammert, zieht er mühelos hinter sich her. Die Nachbarin von links greift sofort zum Knüppel. Die verwitterten Gemäuer der Häuser werfen ihr Kreischen zurück, so laut, dass die Hühner auseinanderstieben und sich die Schweine schnaufend davontrollen. Ein Mann aus Boston steht im Vorgarten. Er ist auf mehr als 2.000 Meter gestiegen, um die Ursprünglichkeit des Kaukasus und seiner Bewohner zu filmen – und vergisst vor Schreck, seine Videokamera draufzuhalten.

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Als das Knäuel der Kämpfenden hinter einer Häuserecke verschwindet, machen sich die Wanderer auf und davon. Schnell Richtung Fluss. Die Gasse dorthin ist gesäumt von gemauerten Wehrtürmen. Manche stehen schon seit 900 Jahren, einige Wände sind geborsten, handbreite Risse teilen Feldsteine und Schieferplatten. Hier ist jedes Haus eine kleine Burg, gegen Angriffe gewappnet. Alle ortskundigen Historiker, angefangen mit dem antiken Griechen Strabo, haben die Swanen im kaukasischen Hochland als ein Volk der Krieger beschrieben. Man hätte ahnen können, dass ihr Temperament über die Jahrhunderte nicht vollständig abgekühlt ist.

Im Moment ringen die Swanen vor allem mit sich selbst. Eine Folge der neuen Zeit: Nach 2.000 Jahren weitgehender Isolation taucht Swanetien nun häufiger in Reisekatalogen auf.

Menschen, die im Auftrag der Unesco die Welt bereisen, sind bestimmt nicht leicht zu beeindrucken. Aber als Mitarbeiter des Internationalen Rates für Denkmalpflege Mitte der neunziger Jahre das erste Mal nach Oberswanetien reisten, um die Aufnahme der Region ins Weltkulturerbe zu prüfen, waren sie kaum vorbereitet auf das, was sie vorfanden: Eine Landschaft wie gemalt, mit grün, grau und weiß gefalteten Bergen, mit hüftschiefen Steinhütten in den Tälern, mit Kirchen in Besenkammer-Größe, an deren Wänden verblichene Heiligenbilder aus dem frühen Mittelalter zu sehen waren – und überall diese Wehrtürme, bis zu 200 in einer Siedlung. Dem Bericht der Denkmalschützer ist, trotz steifer Behördensprache, ein tiefes Erstaunen anzumerken. Ähnlich abgeschiedene Dorfgemeinschaften, notierten sie, existierten nur noch in einigen Regionen des Himalaya. Oberswanetien wurde umgehend in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Ein paar Jahre später war es mit der Isolation vorbei.

Nino Ratiani steigt im Flur ihres Hauses über einen Campingkocher, hebt nebenbei zwei achtlos liegen gelassene Wanderstöcke auf und bringt dann fix mit zwei Handgriffen das Internet wieder zum Laufen. Von allen Seiten prasseln Fragen auf sie ein. Die Israelis brauchen einen Fahrer, spätestens um fünf Uhr morgens, eine Deutsche fragt nach ihrem Lunchpaket, aber bitte vegetarisch, und eine Irin mag keinen Tee ohne Zucker trinken. Ratiani bleibt kaum stehen: "Yes, of course", "No problem", "I will help". Sie hat zwei Handys, die meiste Zeit telefoniert sie mit mindestens einem von beiden.

Ratiani ist eine drahtige Frau mit Dauerlächeln, die pechschwarzen Haare klemmt sie energisch hinter die Ohren. Sie ist 47 Jahre alt und die meiste Zeit ihres Lebens mit zwei Sprachen gut über die Runden gekommen: Swanetisch für die Nachbarn, Georgisch, falls sich mal jemand aus dem Flachland in die Höhe verirrte. Vor 15 Jahren fing sie an, Englisch zu lernen. Das war ungefähr zu der Zeit, als ihr Sohn zwischen zwei Bergen einen japanischen Wanderer auflas und sie ihm eine Übernachtung und ein paar Scheiben georgischen Bergkäse anbot. Der Gast drückte Ratiani am nächsten Morgen als Dankeschön fünf Lari in die Hand, umgerechnet etwa zwei Euro. Die Gastgeberin konnte ihr Glück kaum fassen, so karg waren die Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heute kostet eine Übernachtung in "Ninos Guesthouse" 18 Euro.