Nur, so einfach laufen die Gespräche der tibetischen Gesandten mit chinesischen Unterhändlern eben nicht. Neun Dialogrunden gab es, alle gelten als gescheitert. "Bei Tibet dominieren immer die Hardliner", sagt Sangay. "Taiwaner, Hongkonger, Macauer, das sind Han-Chinesen wie sie. Wir sind anders. Sie misstrauen uns." Viel wichtiger aber ist: Im Fall Taiwan hat sich Peking auf den weichen Weg der Annäherung eingelassen, weil der harte verstellt ist. Eine Invasion Taiwans ist undenkbar, solange die Wahrscheinlichkeit besteht, dass die USA der Insel beispringen würden. Tibet aber gehört China bereits. Wieso sollte Peking noch verhandeln?

Vielleicht weil es in Zukunft auf kein so kompromissbereites Gegenüber aus Dharamsala mehr treffen könnte. Der Dalai Lama hat sein Volk stets auf den Weg der Gewaltfreiheit eingeschworen. Als im März 2008 die Mönche in Lhasa demonstrierten und kurz darauf Randalierer die Geschäfte Han-chinesischer Siedler verwüsteten und es zu Toten kam, drohte der Dalai Lama zurückzutreten. Die Gewalt stoppte. Sangay wird nicht nur nach außen zu kämpfen haben, sondern auch nach innen. Schon jetzt gibt es viele, die ungeduldig geworden sind ob der fruchtlosen Verhandlungen. Die Frustration steigt. "Bevor wir Buddhisten wurden, waren wir Krieger", sagt die Generalsekretärin des tibetischen Jugendkongresses. Ihre Organisation, versichert sie hastig, sei natürlich gegen Gewalt. Doch auch in Xiahe, der Stadt des Klosters, sagen einige: "Ist der Dalai Lama nicht mehr, werden sich die Jungen erheben." Peking aber spielt auf Zeit, in der Hoffnung, dass sich die Sache mit dem Ableben des 14. Dalai Lama erledigen werde.

Peking, Forschungszentrum für Tibetologie. Gerne hätte man einen Termin bei der Pekinger Religionsabteilung gehabt, die die Reinkarnation des nächsten Dalai Lama überwachen wird. Das Amt ist nah, einen zehnmütigen Fußmarsch vom eigenen Korrespondenten-Büro entfernt, und doch unerreichbar fern. Man reicht Fragen ein, wartet monatelang auf eine Antwort, ohne Erfolg: Schließlich kommt der Bescheid, das Amt werde nur einige Fragen per Fax beantworten. Den Vorschlag, die Fragen persönlich vorbeizubringen, lehnt der Beamte mit Panik in der Stimme ab.

Stattdessen kommt schließlich ein Treffen mit Lian Xiangmin zustande, Wissenschaftler am chinesischen Forschungszentrum für Tibetologie in Peking. Das Zentrum ist ein Betonkoloss, gesprenkelt mit tibetischem Stuck, in der Eingangshalle hängt ein Gedicht, es beginnt mit dem Satz: "Weisen Männern gehört das Wissen." Lian ist ein entspannter Mann, er genießt die Debatte so wie ein Boxer eine lockere Sparringsrunde. Seinen Gegner hat er bereits im Ring erlebt. "Sangay?", sagt Lian. "habe ich mal in Harvard getroffen. Sympathischer Typ. Sollte nur einfach nicht Politik machen."

Spricht Lian über Tibet, dann erzählt er eine ganz andere Geschichte als Sangay, so anders, dass man meinen könnte, die beiden sprächen über grundverschiedene Länder. Das Paradies, das Sangays Vater verlassen hatte, war in Lians Augen ein rückständiger und ungerechter Ort. "Die Tibeter wurden von der feudalen Dienerschaft befreit. Die Menschen wurden in drei Klassen und neun Ränge unterteilt, die Hierarchie war unveränderlich." 60 Jahre Befreiung, sagt Lian, habe das Leben der Tibeter von Grund auf verändert. Die Lebenserwartung? Habe früher bei 34 Jahren gelegen. "Inzwischen sind es 65 Jahre." Das Gesundheitssystem und die Erziehung? "Früher gab es keine richtigen Schulen, inzwischen gehen 90 Prozent der Kinder zur Schule." Verkehr und Wirtschaft? "Vor 1951 gab es nur ein Auto in Tibet, es gehörte dem Dalai Lama. Damals gab es ein Sprichwort, das sagte: Das Einzige, was sich in Tibet dreht, sind die Gebetstrommeln." Und jetzt? 20000 Kilometer Straßen, die Eisenbahn.

In Lians Tibet gibt es keine Tibeter, die sich die Unabhängigkeit wünschen, "ich habe noch keine getroffen". Und keiner müsse sich Sorgen machen, seine Kultur nicht leben zu können, dafür gäbe es Gesetze. Lian selbst gehört einer Minderheit an, den Tujia, stolz zeigt er seinen Personalausweis. Er sieht sich selbst als bestes Beispiel dafür, dass man als Minderheit in China erfolgreich sein kann.

Eine systematische Einwanderungspolitik, die die Han in die tibetischen Gebiete locken würde, bestreitet Lian. "Wir haben nur Gesetze, die Minderheiten fördern." Han-Chinesen siedelten nun mal in Tibet, so wie Tibeter in die Han-Gebiete zögen, sagt Lian. "Sich zu öffnen ist ein unaufhaltsamer Trend. Jeder Ort, der sich abschotten will, wird in seiner Entwicklung zurückfallen."