Meine Träume erlebe ich genauso real wie meine Wirklichkeit. Da gibt es noch lange nach dem Aufwachen keinen Unterschied. Die ersten Stunden, nachdem ich zurück in der Welt gelandet bin, sind magisch. Die Rüstung ist noch nicht ausgepackt, alles ist noch weich und verletzlich. Das ist ein Zustand, wie auf Watte zu laufen. Das genieße ich sehr.

Ich glaube, meine Träume helfen mir beim Überleben. Mein Unbewusstes arbeitet im Schlaf wie ein perfekt organisierter Ameisenstaat, es bringt alles an seinen Platz, sortiert Begegnungen und Gefühle. Wut und Schmerz, Glück und Liebe hängen dann nicht mehr im luftleeren Raum, sondern bekommen ein 5-Sterne-Hotelzimmer in mir zugewiesen. Nach so einer Nacht sehe ich morgens im Spiegel eine kleine, frisch geschlüpfte Kaulquappe.

Ohne Träume wäre ich viel unaufgeräumter. Eine traumlose Phase bedeutet, dass mein Leben gerade in Balance ist. Stehen Herausforderungen an, ackert es nachts wieder in mir. Das Träumen hilft mir, Altes loszulassen, frisch geboren in das Neue zu gehen. Zurzeit träume ich kaum. Das ärgert mich, weil ich das Träumen so liebe. In meinem Lieblingstraum spielt meine Oma die Hauptrolle. Leider starb sie lange vor der Geburt meiner Tochter.

Ich falle mit einem Wahnsinnstempo einen tiefen, dunklen Schacht hinab – und werde im Bus nach Tempelhof ausgespuckt. Ich habe mein Baby um den Bauch geschnallt. An der Alboinstraße steige ich aus, laufe am alten Spielplatz vorbei und sehe mich kurz auf dem Drehkarussell sitzen. Ich gehe vorbei an dem Park, in dem ich im Gras lag und zum ersten Mal geküsst wurde, von einem sehr schönen Jungen. Das erste Mal diese Schmetterlinge, vermischt mit seltsamer Übelkeit – ein Gefühl, das mich bis heute süchtig macht. Der Weg zu Omas Wohnung, Pflastersteine zwischen auf Kante geschnittenen Rasenflächen. Schon von Weitem sehe ich sie aus dem Fenster lehnen, so neugierig, dass sie fast rausfällt. Sie guckt ungläubig. Ich platze fast vor Stolz.

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Sie schließt schnell das Fenster, zieht die Gardine zu. Mein Herz pocht bis in den Hals. Ich umklammere die kleinen Füßchen meines Kindes und drücke den Klingelknopf. Dieser Ton. Ich würde ihn unter einer Million Türsummern wiedererkennen. Im Treppenhaus riecht es nach Bohnerwachs, Kartoffeln und Kohl. Ömchen steht schon in der Tür, wie festgewachsen. Ihre Wangen glühen, sie knetet ihre Schürze. Ich fange sofort an zu weinen und drücke sie fest an mich. Die Kleine zwischen uns.

Wortlos gehen wir rein, durch den engen Flur, am Badezimmer vorbei. Es riecht nach Melissenbad von Woolworth, nach Essen und dem speziellen Geruch des Älterwerdens, der mich meine gesamte Kindheit begleitete. An keinem Ort der Welt sind mir die Gerüche so in Erinnerung geblieben wie hier. Es gibt Quetschkartoffeln auf meinem alten Kinderteller und Hagebuttentee. Ich ziehe die Mütze von dem winzigen Köpfchen meiner Tochter. Meine Oma ist ganz ruhig. Auch ich kann es noch nicht so richtig fassen, dass dieser kleine Mensch ab jetzt immer da ist. Dieser stolze, liebevolle Blick meiner Oma beflügelt mich noch nach dem Aufwachen, er gibt mir das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Dieses Gefühl zu erleben, das ist mein größter Traum.

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