Er war eine mysteriöse Figur an der Spitze des Verfassungsschutzes von Thüringen: Sechs Jahre lang stand Helmut Roewer der Behörde vor. Seit die Serienmorde des Nazitrios von Zwickau bekannt wurden, gerät seine Rolle immer weiter ins Zwielicht. 2000 verlor Roewer sein Amt und startete eine Karriere als Publizist, die ihn auch nach Graz führte: Hier erschien im vergangenen Jahr sein Buch Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen über Sowjetspionage im "Dritten Reich". Verlegt wurde das Werk im Ares Verlag, einer jener Institutionen, welche der steirischen Landeshauptstadt den Ruf eingetragen haben, ein Zentrum rechter Publizistik zu sein.

Die Grazer Schriftleiter sind international eng vernetzt und pflegen vor allem zu deutschen Kameraden beste Beziehungen. Mit Zeitschriften wie der Neuen Ordnung, der rechtsradikalen Aula – sie gehört FPÖ-nahen freiheitlichen Akademikerverbänden – und den völkischen Huttenbriefen hat sich die Stadt an der Mur einen klingenden Namen am rechten Rand der deutschsprachigen Medienwelt gemacht.

Im Zentrum steht dabei der 1917 gegründete Leopold Stocker Verlag. Agraringenieur Stocker druckte Fachliteratur für Landwirtschaft, Antisemitismus und Nationalsozialismus. Sein Sohn und designierter Nachfolger Wolfgang fiel 1944 als Wehrmachtssoldat in Italien. Nach dem Tod des Gründers führte seine Tochter Ilse das Verlagshaus in der Grazer Altstadt im Sinne ihres Vaters weiter und verlegte stramme Rechtsaußenliteratur, darunter auch die Machwerke des Holocaustleugners David Irving. Der Zuneigung der steirischen ÖVP, etwa von Landeshauptmann Josef Krainer junior, tat dies keinen Abbruch. Er verlieh der im April 2011 verstorbenen Verlegerin zahlreiche Orden und Auszeichnungen, darunter das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark. Auch ihr Sohn Wolfgang Dvorak-Stocker, der in den frühen Neunzigern das Familienunternehmen übernahm, hatte keine Berührungsängste mit Irving. Kritikern unterstellte er einen "Hang zur Gesinnungsschnüffelei".

Die Deutschtümpelei hat Tradition in der steirischen Landeshauptstadt: Schon vor dem "Anschluss" 1938 war das städtische Bürgertum von Hitler begeistert – die Nazis belohnten das Engagement mit dem Ehrentitel "Stadt der Volkserhebung". Nach 1945 konzentrierte man sich auf die Publikation nationaler Schriften: Josef Papesch, steirischer Kulturlandesrat der NS-Zeit, gab den Schriftleiter der 1951 gegründeten Aula, in der vor allem Altnazis ihre Texte veröffentlichten. Finanziellen Rückhalt bekam die Postille vom Grazer Bürgertum, das mit seinen Apotheken, Baufirmen, Gasthäusern und Schmuckläden im Blatt inserierte. Aber auch auf die ÖVP-Freunde von Papesch war Verlass: 1963 zeichnete das Land Steiermark den Ex-Nazipolitiker mit dem Peter-Rosegger-Preis aus.

Dvorak-Stocker kämpft mittlerweile um ein bürgerliches Image. Wer an einschlägige Publikationen seines Verlags erinnert, wird kurioserweise von dem 45-Jährigen oft verklagt– zumeist erfolglos. Die rechten Aktivitäten lagerte er 2004 in den neuen Ares Verlag aus. Ein Liebhaberprojekt, denn Gewinn warfen die Bücher bisher nicht ab, im Gegenteil: Seit seiner Gründung, so die letzte Firmenbuchbilanz, schrieb der Verlag mehr als eine halbe Million Euro Verlust.

Das Verlagsprogramm versammelt Autoren, die in der rechten Szene Hochachtung genießen – etwa die FPÖ-Politiker Martin Graf und Barbara Rosenkranz. Abgerundet wird das Programm von der spröden katholischen Vierteljahresschrift Neue Ordnung. Auch Praktisches kommt nicht zu kurz: So erläutert ein deutscher Polizist ausführlich das Handwerk des Scharfschützen.

Das "freiheitliche Magazin" Aula versucht nicht einmal einen bürgerlichen Anschein zu erwecken. So fordert eine Autorin mit dem Vornamen Brynhild eine "germanische Wirtschaftsunion" und erklärt die griechische Finanzmisere mit dem angeblichen genetischen Verfall des Hellenentums. An anderer Stelle erklärt sich der Wiener FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus zu einem "Jungpolitiker mit Weitblick". Das FPÖ-Bildungsinstitut inseriert ebenso wie der freiheitliche Nationalratsabgeordnete und Notar Harald Stefan. Nebenbei bringt die Redaktion ihre Sympathien für den wegen Wiederbetätigung verurteilten Holocaustleugner Gerd Honsik zum Ausdruck.

Sympathien für das rechte Journal aus Graz hegt auch das NPD-nahe Blatt hier & jetzt, das fleißig inseriert. 2008 gab es für dieses "nationale Theoriemagazin" aus Dresden einen Förderpreis von der deutschen Gesellschaft für Freie Publizistik. Der aktuelle Vorsitzende des Vereins, den deutsche Verfassungsschützer als "größte rechtsextremistische Kulturvereinigung in Deutschland" bezeichnen, ist Aula-Schriftleiter Martin Pfeiffer.

Helmut Roewers Spionage-Schmöker wurde in der Aula ambivalent besprochen. Zwar begrüßte der Rezensent die Enttarnung des "kommunistischen Agentenunwesens", doch das Nachwort verdarb ihm die Lektüre. Darin erklärt nämlich der Autor, er verachte die NS-Herrschaft. Dieses "völlig überflüssige Distanzierungsritual", so der Fachmann von der Aula, mute freilich seltsam an.