Die Puzzleteile sind überall. Geordnet liegen sie in den Büchern der Bibliotheken und versteckt im Sumpf des Internets, sie bevölkern Filme und Musik, Literatur und Universitäten, selbst beim gemeinsamen Abendessen werden sie gelegentlich ausgetauscht. Dass jedes einzelne Teil sich wiederum aus zahllosen kleineren Bausteinen zusammensetzt, macht das Ganze nicht übersichtlicher. Das Weltwissen als Puzzle: unfassbar umfangreich, aber auch verdammt vielversprechend. Vor sechs Jahren nahm ich mir vor, es so weit zusammenzusetzen, wie ich in meinem Leben eben komme. Ich war Mitte zwanzig, hatte also wohl noch etwas Zeit. Von dem Bild, das entstehen sollte, hatte ich keine genaue Vorstellung. Ich nannte es Bildung.

Bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms – auseinandergefaltet sind die Molekülfäden (DNA) insgesamt etwa 1,80 Meter lang – wollte man in den 1990er Jahren zunächst weitestgehend kontinuierlich vorgehen, von Anfang bis Ende. Dann wählte der Biochemiker Craig Venter einen anderen, viel schnelleren Ansatz: das shotgun sequencing, die sogenannte Schrotflinten-Methode. Dabei wird die DNA in viele kleine Stücke zerlegt, die mehr oder weniger per Zufall abgelesen werden – anschließend werden die Informationen der einzeln abgelesenen Schnipsel anhand der Schnittstellen wieder zusammengefügt.

Das Prinzip der Schrotflinten-Methode wollte ich auf mein Vorhaben übertragen. So würde ich alles parallel lernen, zwar jeweils nur Bruchteile davon – aber das Wissen würde in allen Gebieten gleichmäßig wachsen. Das erschien mir sinnvoller, als wenn ich mich beispielsweise zunächst ein Jahr lang nur mit Kunstgeschichte beschäftigte. Nun brauchte ich nur noch etwas, das ich zerlegen konnte. Ein Wissens-Genom.

Bildung macht man mit sich selbst

Um es in seinem Umfang zu definieren, wollte ich mir zunächst einen Überblick verschaffen, was dieses Genom umfasst.

Natürlich suchte ich erst einmal Hilfe bei anderen Menschen, immer wieder sollten sie in den folgenden Jahren mit ihrem Rat und ihrer Erfahrung Wegweiser und Wegbegleiter sein. Gleichzeitig wurde aber auch klar: Bildung ist etwas, was der Mensch für sich und mit sich selbst macht. Man bildet sich . Letzten Endes würde ich mir alles selbst erarbeiten müssen, was ja häufig der Fall ist. Der eine bringt sich selbst Gitarrespielen bei, anhand von Videos im Internet und bebilderten Notenbüchern. Der andere lernt Schachspielen im Alleingang: erst die Regeln, dann die Kniffe.

Ein guter Autodidakt ist da klar im Vorteil. Erst allmählich begriff ich, worauf es ankommt, wenn man sich etwas selbst anzueignen versucht. Es gibt keine Prüfung, die bestanden werden muss, kein Zertifikat, das erlangt werden kann, man tut es aus freien Stücken. Voraussetzung für alles ist daher Motivation . Nicht nur eine, die zu Beginn das Ganze anschiebt – sondern auch eine, die einen auf dem Weg bis zum Ziel durchhalten lässt. Beim angehenden Gitarrespieler könnte es der Traum sein, Cat Stevens’ Lady d’Arbanville nächsten Sommer am Lagerfeuer spielen zu können. Der Schachlernende will womöglich einmal seinen besten Freund besiegen. Die Motivation bei meinem Plan war vor allem die Neugier, die Welt zu verstehen.

Nach einer mit Suchen und Gesprächen verbrachten Woche entschied ich mich für drei hochkonzentrierte Bücher als Überblickswerke: ein Lexikon (Harenberg Kursbuch Bildung), das Information anregend und einordnend zu vermitteln schien. Bildung von Dietrich Schwanitz, wie bei vielen anderen stand es auch bei mir ungelesen im Regal. Schließlich, weil ich der Meinung war, dass Philosophie die elementarsten Fragen stellt, ein ebenso umfangreiches wie verständliches Standardwerk dazu: Die Geschichte der Philosophie von Christoph Helferich.