"Kunst kann auch heilen"

Kerstin Schaefer, 39, war Krankenschwester – und ist nun freie Künstlerin in Stuttgart

"Heute arbeite ich als freie Künstlerin. Gleichzeitig habe ich noch drei andere Jobs; als Aufsicht in einer Galerie, als Kinderfrau und als Kunstkursleiterin in Schulen. Mein Hauptberuf ist auf jeden Fall die Kunst: Es entsteht hauptsächlich graffitiunterlegte Malerei in Öl auf unterschiedlichsten Bildträgern, gern aus Holz, die ich raumgreifend installiere. Ich habe ein großes Atelier in Stuttgart und arbeite so viel ich kann, meistens nachts. Ich hatte mehrere wichtige Stipendien, stelle regelmäßig aus, meine Arbeiten werden von einigen gesammelt. Das spricht sich herum, und ich gewinne zunehmend an Aufmerksamkeit, doch es ist ein langer, zäher Weg. Wenn man als Künstlerin mit 39 noch nicht wirklich arriviert ist, gilt man als Spätentwicklerin.

Aber meine Ausdauer ist groß, weil ich an das glaube, was ich mache. Seit frühester Kindheit. Ich habe immer schon gemalt und gezeichnet. Es klingt vielleicht komisch, aber nur deswegen hatte ich diesen langen Atem: Ich habe erst eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, um mir mit dem Beruf dann ein Kunststudium zu finanzieren.

Krankenpflege ist ein Beruf, der mir weltweit meine Existenz sichern kann, weil Menschen immer und überall Hilfe benötigen. So habe ich gedacht. Er ist zwar schlecht bezahlt, aber es ist auch ein Job, der erdet, und ich bin ein verträumtes, musisches, manchmal zerstreutes Wesen. Krankenschwester war für mich ein Antiberuf – frühstmorgens aufzustehen, obwohl ich eigentlich ein Nachtmensch bin; die Nähe zu Menschen, obwohl ich eigentlich schüchtern bin. Es war ein pragmatisches Ergänzungsprogramm und ein Gegengewicht zur Kunst. Etwas, was Zweck hat, im Gegensatz zur Kunst, die zweckfrei ist. Als Krankenschwester habe ich mich um Körper gekümmert, in der Malerei um Geist und Seele. Eine Überschneidung gibt es für mich allerdings: Kunst kann auch heilen.

Vor und während meiner Ausbildung in Marburg habe ich mich jedes Jahr an mehreren Kunstakademien beworben und bin ständig abgelehnt worden. In meiner Wut habe ich mich mit einem Tapeziertisch an die Hauptstraße gestellt und habe alle meine bisherigen Werke ausgebreitet. Da haben einige Passanten etwas von mir gekauft. Das war meine erste Plattform. Kurz darauf habe ich die Aufnahmeprüfung in Dresden bestanden, an einer beeindruckenden Kunsthochschule in einem Palast an der Elbe. Ich glaube, nach der Tapeziertischaktion bin ich dort mit einem anderen Selbstbewusstsein aufgetreten.

Nach dem Diplom konnte ich noch zwei Jahre als Meisterschülerin bei meiner Professorin für übergreifendes künstlerisches Arbeiten weiterstudieren. Während der ganzen Zeit habe ich nebenbei als Nachtschwester Geld verdient. Ich habe auch mal Kunstgeschichte studiert, aber die Theorie war für mich nicht das Entscheidende. Es musste die Praxis sein. Meine Ausbildung ist ein Sammelsurium, und es kommt mir alles zugute – im Leben und in der Kunst."