ZEIT: Wann haben Sie sich das erste Mal auf die Vorwürfe konzentriert und in Ihre Doktorarbeit geschaut?

Guttenberg: Erst danach. Ich hatte ja in Berlin gar kein Exemplar meiner Dissertation zur Hand und musste erst mal schauen, wo ich eins herbekomme. Ich habe gleich am Mittwoch jemanden beauftragt, mir meine Arbeit zu schicken, aber ich hatte erst Donnerstagabend, nach dem Gespräch mit der Kanzlerin, die Chance, die Vorwürfe zu sichten.

ZEIT: Am Wochenende haben Sie dann endlich in Ihrer Arbeit lesen können?

Guttenberg: Ja. Ich war in Berlin und hatte Zeit, mich damit zu befassen. Parallel dazu habe ich mir natürlich angeschaut, was im GuttenPlag Wiki zutage gefördert wurde.

ZEIT: Und?

Guttenberg: Ich musste erst mal rekapitulieren, wann ich mich mit welchen Stellen in welcher Form befasst hatte, und habe am Anfang noch geglaubt, dass das eine Sache ist, die sich auf ein paar Stellen beschränken wird. Aber dann gab es Stellen, die waren unerklärlich, und vor allem die Sache mit der Einleitung war katastrophal. An diesem Wochenende dämmerte mir, dass das Ausmaß sehr viel größer ist.

ZEIT: Hatten Sie da noch den Vorsatz, im Amt zu bleiben, oder haben Sie weiter über den Rücktritt nachgedacht?

Guttenberg: Angesichts der Wucht der Debatte hatte ich nahezu täglich den Gedanken: Das ist nicht durchzuhalten.

ZEIT: Wer hat Sie in diesen Tagen beraten?

Guttenberg: Wahrscheinlich gab es zu viele Ratschläge, die sich zum Teil diametral widersprochen haben. Einige rieten mir, stehen zu bleiben und mich überhaupt nicht auf die Debatte über die Doktorarbeit einzulassen; andere meinten, ich solle den Doktortitel sofort niederlegen und unbedingt weitermachen; wieder andere hielten einen Rücktritt für die beste Lösung. Das war alles gut gemeint, aber es hat nicht dazu beigetragen, dass es für mich leichter wurde.

ZEIT: Am Mittwoch mussten Sie dann im Bundestag Rede und Antwort stehen. Wie haben Sie das erlebt?

Guttenberg: Manches ist wie im Film an mir vorbeigezogen. Das war einer der erniedrigendsten und bittersten Momente, die ich bisher erleben musste. Auch wegen der Art der Auseinandersetzung war es unglaublich schwierig, ruhig zu bleiben. Die Angriffe haben ein Ausmaß angenommen, wie man es selten im Bundestag hört. Es war nicht leicht zu akzeptieren, dass das Präsidium nicht eingeschritten ist.

ZEIT: Sie fühlten sich unfair behandelt?

Guttenberg: Ja. Aber ich habe mir in diesem Moment auch noch mal gesagt, dass ich offen Stellung nehmen muss zu dem, was ich falsch gemacht habe. Deshalb habe ich mich auch vor dem Bundestag entschuldigt. Aber das ist ebenfalls untergegangen in der Berichterstattung.

ZEIT: Gibt es Abgeordnete, denen Sie an diesem Tag etwas bleibend übel genommen haben?

Guttenberg: Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich weiß, dass ich im Zweifel nie so mit Kollegen umgehen würde, wie es einige mit mir gemacht haben. Ich bin aber grundsätzlich kein nachtragender Mensch.

ZEIT: Dietmar Bartsch von der Linkspartei hat gesagt: "Früher wusste der Adel, was an so einer Stelle zu tun ist."

Guttenberg: Bartsch hat sich am nächsten Tag per Handschlag im Beisein von Kollegen bei mir entschuldigt.

ZEIT: Haben Sie die Entschuldigung angenommen?

Guttenberg: Ja.

ZEIT: Es gab einen offenen Protestbrief, den Doktoranden an die Kanzlerin geschrieben haben; er wurde im Internet innerhalb von wenigen Tagen von 60.000 Menschen unterzeichnet.

Guttenberg: Diese Unterschriftenaktion hat mich ebenso wenig kaltgelassen wie die protestierenden Menschen vor dem Ministerium. Das waren zwar nicht so viele, wie letztlich behauptet wurde, aber man müsste ohne jegliche Fühler sein, wenn einen das nicht berühren würde.

ZEIT: Am Dienstag, dem 1. März, dann Ihre Rücktrittsrede. Hatten Sie die eigentlich selbst verfasst, oder hat da jemand mitgewirkt?

Guttenberg: Die Rede habe ich selbst geschrieben. Da haben einige draufgeschaut, aber das ist mein eigener Text, der könnte ureigener nicht sein.

ZEIT: Er enthält also keine Plagiatsfragmente?

Guttenberg: Nein. Es gab einige Stimmen, die mir im Vorfeld gesagt haben, was ihrer Meinung nach in einer solchen Erklärung stehen müsste. Und solche Ratschläge haben sicher an der einen oder anderen Stelle auch Einzug gefunden. Aber diese Erklärung gibt vollständig meine Gefühlslage wieder und meine Gedankenwelt. Und von diesen Worten habe ich bis heute nicht eine Silbe zurückzunehmen.

ZEIT: Was haben Sie nach Ihrer Rücktrittserklärung gemacht?

Guttenberg: Da war ich bei meiner Familie. Aber ich weiß kaum noch, wie das abgelaufen ist; ich war im Wesentlichen damit beschäftigt, die Erschöpfung aufzuarbeiten.

Alte Parteien, neue Parteien?

ZEIT: Befürchten Sie, dass in Deutschland eine populistische Bewegung aufkommen könnte?

Guttenberg: Die Gefahr schätze ich als nicht so groß ein. Zum einen fehlt es gottlob an begabten Demagogen, die sich außerhalb der wesentlichen Parteien bewegen; zum anderen glaube ich, dass jede neue Partei in Deutschland momentan in der Mitte erfolgreicher wäre als am Rand. Es herrscht eine große Sehnsucht nach der Mitte.

ZEIT: Aber fast alle Parteien beanspruchen die Mitte doch für sich: Sie meinen trotzdem, ausgerechnet die Mitte sei verwaist?

Guttenberg: Zumindest in den Augen eines erheblichen Teils der Bevölkerung ist sie nicht nur ein bisschen verwaist, sie wird nur noch mit Phrasen und mit den immergleichen Scharmützeln bespielt. Wenn man sich die Wahlbeteiligung anschaut, dann haben wir schon heute einen dramatischen Zustand, den wir uns im Vierjahresrhythmus schönzureden versuchen.

ZEIT: Aber wo würden Sie CDU und CSU verorten, wenn nicht in der Mitte?

Guttenberg: Die Union sitzt noch in der Mitte, aber sie ist dort lange nicht mehr so erkennbar, wie sie es sein könnte. Sie sitzt eben und steht nicht.

ZEIT: Daran haben Sie zum Teil mitgewirkt. Es gab die Aussetzung der Wehrpflicht, die Abschaffung der Hauptschule und natürlich den Ausstieg aus der Atomenergie; aktuell gibt es die Vorstöße zur Frauenquote und zum Mindestlohn. Für einen gestandenen Konservativen ist das alles kaum zu fassen.

Guttenberg: Ich glaube, dass man einige – nicht alle – dieser Schritte gut begründen könnte. Wenn man sie denn begründen wollte. Kommunikation ist eine fortwährende Aufgabe, die nicht auf den Zeitpunkt der Entscheidung beschränkt werden kann.

ZEIT: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass die in Bayern einst als unbesiegbar geltende CSU bei Landtagswahlen nur noch etwas mehr als 40 Prozent der Stimmen einfährt?

Guttenberg: Sie ist, wie andere Parteien auch, von einer Infektion befallen, die das allmähliche Sterben der Volksparteien auslösen könnte oder bereits ausgelöst hat. Und die Behauptung, man sei die letzte verbliebene Volkspartei, wird ihr bestimmt nicht mehr Wähler zuführen, sondern im Zweifel als Hybris ausgelegt werden. Sich so zu bezeichnen, wenn man etwa 40 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von unter 60 Prozent bekommt, wirkt nur noch wie die Verhöhnung früherer Träume.

ZEIT: So gesehen gäbe es heute in Deutschland überhaupt keine Volkspartei mehr.

Guttenberg: Zumindest nach alten Maßstäben gibt es heute keine Volksparteien mehr in Deutschland. Die Frage, ob es gelingt, wieder mehr Menschen zu mobilisieren, hängt davon ab, ob die Parteien in der Lage sind, Entwürfe für die Probleme von heute und morgen vorzulegen: Demografie, Neue Medien, Europa, Klimaschutz, diesen Fragen muss man sich zuwenden. Es reicht auch für die CSU nicht aus, in romantischer Rückschau die gute alte Zeit zu beschwören. Da haben sich doch schon viele Spinnweben gebildet. Ich höre immer wieder von jungen Leuten, dass es ihnen an einem Kompass fehlt.

ZEIT: Sie sprechen von einer Infektion, die alle Parteien erfasst habe. Gibt es also Ihrer Meinung nach keine spezifische CSU-Problematik?

Guttenberg: Eher nicht. Den Menschen mangelt es in der Politik generell an Köpfen, die für gewisse Inhalte stehen. Die bereit sind, für Inhalte zu streiten, und nicht die Segel streichen, wenn der Wind mal sehr eisig bläst. Es gibt herausragende Köpfe in jeder der Parteien in Deutschland, rechts außen mal ausgenommen. Aber sie sind in allen Parteien rar gesät. Parteien bieten heute nur noch wenig Anreize, die übliche Parteikarriere wirkt auf viele Menschen sehr abschreckend. Und die Bindungen an Parteien haben abgenommen. Parteien müssen verstehen, dass sie bei der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung heute keine dauerhafte Bindekraft mehr haben. Das zu verstehen, haben sie bislang versäumt, die CSU inklusive.