ZEIT: Droht der CSU der Abstieg zur Regionalpartei?

Guttenberg: Diese Gefahr ist immer dann gegeben, wenn die CSU glaubt, bayerische Interessen brachial und dauerhaft über gegebene bundespolitische und europäische Ansprüche sowie auch globale Einflüsse stellen zu müssen. Das darf schon mal sein, aber es darf nicht zum Grundmuster werden.

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann eine andere politische Partei zu wählen oder sogar für sie anzutreten?

Guttenberg: Ich bin zurzeit Mitglied einer Partei, die einen langen Weg zu gehen hat, um von der Abwärtsbewegung der sogenannten Volksparteien nicht ergriffen zu werden.

ZEIT: Die Betonung liegt auf "zurzeit"?

Guttenberg: Dabei möchte ich es bewenden lassen. Nicht jede Betonung muss bereits eine Drohung sein.

ZEIT: Bekommen Sie mit, dass es zurzeit bei relativ angesehenen Konservativen durchaus Überlegungen gibt, eine neue Partei zu gründen?

Guttenberg: Natürlich.

ZEIT: Würden Sie einer solchen Gruppierung Chancen zubilligen?

Guttenberg: Grundsätzlich ja, aber das wäre natürlich von den Köpfen abhängig.

ZEIT: Hätten Sie keine Angst, dass so eine neue Partei vor allem Querulanten anziehen könnte?

Guttenberg: Das ist ein altes Argument, ja. Man könnte dem aber vielleicht begegnen: Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken. Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.

ZEIT: Halten Sie es für unwahrscheinlich, dass eine solche Partei noch vor den nächsten Wahlen gegründet wird?

Guttenberg: Das halte ich angesichts des Organisationsaufwandes für unwahrscheinlich. Ich glaube aber wie gesagt, dass eine solche Gruppierung am ehesten in der Mitte Erfolg haben könnte, nicht an den Rändern des politischen Spektrums.

ZEIT: Sind Sie von Leuten kontaktiert worden, die vorhaben, eine neue Partei zu gründen?

Guttenberg: Es finden manchmal die lustigsten und skurrilsten Kontakte statt.

Die Rückkehr

ZEIT: Herr zu Guttenberg, Sie sehen anders aus als früher.

Guttenberg: Ausgeschlafener.

ZEIT: Vielleicht, aber ich meine etwas anderes. Ich vermisse die ganze Zeit Ihre Brille, ich kenne Sie gar nicht ohne.

Guttenberg: Böse Zungen werden sagen, jetzt ist er so eitel, dass er sich auch noch seine Augen hat richten lassen.

ZEIT: Sie sehen aber auch wirklich überall Fallen.

Guttenberg: Faktisch war es so, dass es einer reizenden indischen Ärztin in den USA bedurfte, die festgestellt hat, dass ich ohne Brille vollkommen ausreichend sehen kann.

ZEIT: Wie ist das möglich?

Guttenberg: Ich habe überhaupt erst seit sieben oder acht Jahren eine Brille getragen. Irgendwas in unserer Familiengeschichte muss über die Jahrhunderte dazu geführt haben, dass ich auf dem linken Auge extrem kurzsichtig bin und auf dem rechten Auge relativ weitsichtig...

ZEIT: ...ideale Voraussetzungen für einen Berufspolitiker!

Guttenberg: Ja, aber ganz schlecht, wenn man beide Augen gleichzeitig braucht. Jedenfalls hat sich das viele Jahre lang wunderbar ausgeglichen, ist aber während der politischen Laufbahn schlechter geworden. Nach meinem Rücktritt hat es sich wieder gebessert, sodass mir die erwähnte Ärztin gesagt hat, ich brauche keine Brille. Deshalb trage ich nur noch beim Autofahren eine. Da ist es schon besser, wenn man mit dem linken Auge etwas mehr sieht als nur schwarze Klumpen, die einen überholen.

ZEIT: Wie kommt es, dass sich Ihr Sehvermögen wieder verbessert hat?

Guttenberg: Man hat mir gesagt, dass sich die Augen im Alter tatsächlich verbessern können. Das war mir bisher vollkommen fremd, ich dachte, es wird immer alles nur schlechter. Von daher nehme ich das dankbar an. Und es hat nichts mit Eitelkeit zu tun: Die meisten Menschen meinen, dass mir die Brille besser steht. Das sagt meine Frau auch.

ZEIT: Mal abgesehen von der Brille: Ich finde, Sie sehen auch älter aus. In Ihr Gesicht schleicht sich hin und wieder ein harter Zug ein.

Guttenberg: Ja, die vergangenen Jahre haben durchaus zu mancher Verbitterung geführt. Vor allem die letzten beiden Jahre haben Spuren hinterlassen. Das muss ich alles erst mal ergründen und verarbeiten, das wird noch eine Weile dauern. Auch auf die Gefahr hin, dass ich deswegen gleich wieder angegriffen werde: Ich bin durch das, was sich in diesem Jahr abgespielt hat, auch schwer gezeichnet.

ZEIT: Die letzten beiden Nachrichten zu Ihrer Person vor diesem Gespräch waren diese: Der CSU-Parteitag hat kühl auf die Erwähnung Ihres Namens reagiert, und der Produzent Nico Hofmann will Aufstieg und Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg als Komödie verfilmen. Wollen Sie jetzt intervenieren, weil Sie befürchten, dass Ihr Bild in der Öffentlichkeit allzu sehr verzerrt werden könnte?

Guttenberg: Ich habe ja nicht nur in diesem Jahr, sondern auch schon zuvor immer wieder mit dem Wechselspiel zwischen richtigen Beschreibungen meiner Person und Verzerrungen leben müssen. Weder der Film noch der Parteitag waren Gründe für dieses Interview. Es ist doch völlig normal im politischen Geschäft, dass man auf Parteitagen, an denen man nicht teilnimmt, nicht die Reaktionen auslöst, die man vielleicht bei anderer Gelegenheit erfahren hat.

ZEIT: Aber war das nicht eine sehr plötzliche Abkühlung? Auch Horst Seehofer hat Ihren Namen nicht einmal erwähnt.

Guttenberg: Er hat doch außerordentlich nette Worte beim Politischen Aschermittwoch, relativ kurz nach meinem Rücktritt, für mich gefunden. Das hätte er nicht gemusst. Das hat mich damals sehr gefreut. Und wissen Sie, wenn man nicht mehr in der gleichen Badewanne planscht, wird das Wasser schnell kühler.

ZEIT: Ist es nicht ein Indiz dafür, dass Sie inzwischen eher unerwünscht sind?

Guttenberg: Es ist eher ein Indiz für die ungeschriebene Regel, dass das Geschäft weitergehen muss, unabhängig von ehemaligen Amtsträgern. Das ist nichts, was mich bedrückt. Ich habe das erwartet, sogar früher schon.

ZEIT: Wie war das für Sie, als Sie von Nico Hofmanns Film erfuhren?

Guttenberg: In meiner ersten Reaktion habe ich an meine Kinder gedacht und mich gefragt: Muss das auch noch sein? Ich habe beschlossen, das mit Humor zu nehmen. Und da der Film ja als Satire angekündigt ist, hoffe ich, dass er wenigstens komisch wird.