Eng und vertraut, aber nicht nahtlos verschwistert, so präsentierten sich kürzlich zwei Damen, 90 und 94 Jahre jung: Politikerin mit Leib und Seele noch immer die eine, Hildegard Hamm-Brücher , Psychoanalytikerin mit jeder Pore die andere, Margarete Mitscherlich. Reinhold Beckmann hatte sie in seine Talkshow eingeladen. Freundschaftlich respektierten sie einander, hörten einander zu, sie teilten offensichtlich viel. Beide waren sie bereits als sehr junge Frauen das, was sie "überzeugte Anti-Nazis" nannten. Auch wenn die ältere, Margarete, darauf bestand, "nie so unmittelbar gefährdet gewesen zu sein wie Frau Hamm-Brücher durch die Umstände einer jüdischen Großmutter". Dieses Band einte sie – frühes Erkennen und Erschrecken und eine innere Stimme.

Vor Augen hatte man zweierlei Wege, aus ähnlichen Erfahrungen heraus zum Grundkonsens und zur Selbstverständigung der Republik beizutragen. Margarete Mitscherlich ( Die Unfähigkeit zu trauern ) wählte den Weg nach innen, also das Zuhören, um zu verstehen und anderen beim Verstehen zu helfen. Hildegard Hamm-Brücher entschied sich für den Weg nach außen, um etwas Erlebtes und Verstandenes aufzubewahren und zu vermitteln. In ihrem schmalen Rückblick ( Und dennoch... , Siedler-Verlag) heißt es, sie empfinde es als bleibende "Erblast", dass die deutsche Demokratie "nicht aus einem Freiheitskampf entstanden" sei.

Hildegard Hamm-Brücher, 1921 in Essen geboren: Als ich sie kennenlernte, als junger Journalist in Bonn, klang der Satz Willy Brandts vollkommen plausibel, die Schule der Nation sei die Schule. In dem Geiste wurde sie 1969 Staatssekretärin im Bildungsministerium der sozialliberalen Koalition. Ermuntert, in die Politik zu gehen (und in die FDP), hatte sie "Papa" Heuss, den sie den "Abraham Lincoln unserer Demokratie" nennt. Auf dem pädagogischen Auftrag Nie wieder! gründet ihre Leidenschaft für eine Demokratie (Motto: Demokratie, das sind wir alle!), die die Stimme jedes Einzelnen ernst nimmt, für das Parlament, für die große Chance der Gewissensfreiheit, die Artikel 38 den Abgeordneten gewährt.

Die Wende ihrer Partei von 1982 von Kanzler Schmidt zu Helmut Kohl und seiner CDU konnte Hamm-Brücher (obwohl Staatsministerin in Genschers Auswärtigem Amt) nicht mittragen. Beide hätten das nicht verdient, erklärte sie öffentlich, Helmut Schmidt, ohne Wählervotum gestürzt zu werden, "und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen". Sie selbst habe Schmidt erst vor wenigen Monaten das Vertrauen ausgesprochen, sie könne es ihm daher jetzt nicht entziehen.

Die FDP schloss sie 1983 von allen politischen Ämtern aus. 1994 kandidierte sie als erste Frau für das Amt des Bundespräsidenten, auch wenn es aussichtslos war. 2002 trat Hildegard Hamm-Brücher nicht zuletzt wegen der antisemitischen Einlassungen des Exministers Jürgen Möllemann aus ihrer Partei aus. Ökonomistisches Denken, hält sie der FDP von heute entgegen, darf nicht alles beherrschen.

Sehr dicht, sehr intensiv tauchten Prägungen und Überzeugungen in einem "Traum" auf, den sie in dieser Zeitung schilderte . Das junge Mädchen, das sich daran erinnert, wie es vom Zehnmeterbrett springt, sich überwinden muss und darauf vertraut, dass der Vater – der 1927 noch lebte – sie in jedem Fall beschützen werde. Wenige Jahre später starb er, die Mutter bald auch. Die Nazijahre erlebten die Eltern nicht, welches Glück, fand sie, tieftraurig erleichtert. Eine "Beschützerin", ja Retterin zu werden, das habe sie immer gewollt, sagte sie damals zu ihrem Traum. Ein kleines Mädchen aus dem Wasser ziehen, das habe sie immer wieder tun wollen, auch "für meinen Vater". Die Widerstandskämpferin Sophie Scholl lernte sie als Schülerin kennen. Sie selber, die nach den Nürnberger Gesetzen zu den "Mischlingen" zählte, hatte Glück. Ihr Doktorvater beschützte sie, als die Geschwister Scholl und ihre Weiße Rose enttarnt wurden. Noch bei Beckmann bestand sie gegenüber Margarete Mitscherlich darauf, sie habe "in dem Sinne ja nichts getan".

In ihrem Respekt vor Angela Merkel übrigens sind beide sich einig, Hildegard Hamm-Brücher wie Margarete Mitscherlich. Ein Frauensieg, seht her! "Ich weiß nicht, wie Sie das sehen", bemerkte sie mit Blick auf ihre Gesprächspartnerin Mitscherlich beinahe heiter, "der wirkliche Fortschritt in unserer Gesellschaft sind die Frauen."