Alles scheint im Moment möglich in Europa: Kollaps oder Durchbruch, Dekadenz oder Renaissance. Die einen reden vom Zerfall des Euro, die anderen von einem ganz neuen Grad an Integration. Kommt jetzt das Ende der Solidarität – oder im Gegenteil ihre beispiellose Ausweitung durch Euro-Bonds oder unbegrenzte Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank? Nie waren wir einer europäischen Innenpolitik so nahe; die neuen Regierungen in Spanien, Italien oder Griechenland werden für die Deutschen unendlich wichtiger sein als die neue Große Koalition im Land Berlin. Zugleich bringt die ungewohnte Nähe Gift und Gefahr hervor: das tapsig auftrumpfende Gerede à la Volker Kauder von Deutschlands Dominanz, die gereizt-aggressiven Reaktionen in London. Man spürt, dass Europa an einer Schwelle steht, an einem Wendepunkt. Es ist der Augenblick, um nach dem Sinn der Sache zu fragen, danach, was die Europäer mit diesem Europa eigentlich in die Hand gelegt bekommen haben. In irgendeiner Form, die sich noch genauer herauskristallisieren wird, eines Tages womöglich in der Gestalt eines Referendums, steht Europa in diesen Monaten und Wochen zur Wahl. Warum mit Ja stimmen?

Es hilft, dazu einen Schritt zurückzutreten, vielleicht sogar ein paar Tausend Kilometer. Die Szene spielt in einem Coffeeshop in der pakistanischen Stadt Lahore. Der deutsche Besucher hat lange genug Fragen zu Pakistan gestellt, jetzt ist sein Gesprächspartner dran, mit Fragen zu Deutschland. Eine beschäftigt ihn besonders. Die Deutschen sind doch berühmt als Ingenieure? Ja. Dann können sie sicher auch tolle Waffen bauen? Ja, wird wohl so sein. "Aber warum habt ihr dann keine Atombombe? Die Briten und die Franzosen haben sie doch. Wie ertragt ihr es, dass die anderen die Bombe haben, ihr aber nicht?"

Der sich danach erkundigte, war kein Militär und kein langbärtiger Islamfanatiker, sondern ein ausgezeichnet englisch sprechender Geschäftsmann. Aber in der Welt, in der er lebte, wirkte komplett fantastisch, was er nun hörte: dass eine eigene Atomrüstung in Deutschland überhaupt kein Thema ist; dass wir uns von den Waffen der anderen nicht bedroht, sondern mitgeschützt fühlen; dass ganz Europa in einen Aggregatzustand übergegangen ist, in dem Staaten nicht mehr ganz so staatlich und Nationen nicht mehr richtig national sind.

Der nuklear bewaffnete Nachbar, das ist für einen Pakistaner der Erzfeind Indien. Für uns ist es Frankreich, und seine Nuklearwaffen sind uns vollkommen egal. Wir machen uns nicht über seine Rüstung Gedanken, sondern über sein Kredit-Rating, und wir haben nicht Angst davor, dass dieses Rating zu gut, sondern dass es zu schlecht werden könnte. Die Schicksale von Staaten in Europa sind einmalig eng verknüpft, aber genau andersherum als in der klassischen Macht- und Geopolitik: Man profitiert von der Stärke des anderen und leidet unter seiner Schwäche. Das stellt Jahrhunderte historischer Erfahrung auf den Kopf. Für neunzig Prozent der Menschheit sind solche politischen Lebensbedingungen unvorstellbar. Gerade hat Barack Obama die Stationierung von US-Soldaten in Australien angekündigt, als Widerlager gegen den Aufstieg Chinas. In Asien existiert noch die alte Welt mit ihren Großmachtkonkurrenzen, Expansionsgelüsten und wackligen Gleichgewichten. Der weltpolitische Ur- und Naturzustand im Gegensatz zu Europas hypermoderner Zivilisiertheit.

Diese europäische Zivilisiertheit hat ihre Schwächen: die Unfähigkeit zum Militärischen; die Fantasielosigkeit, mit der das Paradies von seinen Bewohnern für den Normalzustand gehalten wird, sodass man sich in die "Wilden" im dschungelhaften politischen Überlebenskampf (Amerikaner, Israelis und so fort) überhaupt nicht mehr hineinzuversetzen vermag. Aber im Kern ist es eine ungeheure, kostbare Errungenschaft, ein spektakuläres Experiment: Kann man mit weniger Machotum als früher und anderswo, mit weniger Aufwand an Stolz und Ehre Politik und sogar Geschichte machen? Das ist die Wette, die die Europäer laufen haben, und von ihrem Ausgang hängt viel ab – nicht nur für den Kontinent, sondern auch für eine zusammenwachsende Welt, die sich die alte, hochtourige, energieaufwendige Politik im Grunde nicht mehr leisten kann. Was sind denn die Alternativen? Das ewige Weiter-so der nationalen Machtpolitik, wie zwischen Pakistan und Indien oder bei den pazifischen Strategiespielen? Der Imperialismus, wie ihn George W. Bush ausprobiert hat, bis er nicht mehr funktionierte?