ZEIT: Warum sind Preußen und insbesondere Friedrich der Große noch immer ein solches Faszinosum für viele Menschen?

Clark: Man darf nicht vergessen, was für ein selten begabter Mensch Friedrich war. Vermutlich wäre er sogar noch in Erinnerung, wenn er nicht König gewesen wäre. Diese Ansammlung von Talenten, das ist schon bewundernswert: Er komponierte. Er spielte glänzend Flöte. Er hat Gedichte verfasst. Und nicht zuletzt: Er hat unser Bild von Preußen geprägt und die vielleicht attraktivste und eleganteste Geschichte Preußens geschrieben, die Mémoires pour servir à l’histoire de la Maison de Brandebourg.

Krzemiński: Trotzdem gibt es zu denken, wie er mit Gegenspielern umgegangen ist. Seine an Voltaire adressierte Hetzschrift über die polnischen Konföderierten, die die russische Einmischung in Polen abschütteln wollten, hätte so ähnlich auch Honecker über die Solidarność verfassen und an einen intellektuellen KP-Mitläufer im Westen schicken können...

ZEIT: Wie kommt es dann, dass Friedrich ausgerechnet bei den Liberalen so viele Anhänger gefunden hat, Richard von Weizsäcker zum Beispiel oder Marion Dönhoff?

Krzemiński: Vielleicht ist es seine Zähigkeit, die ihn attraktiv macht? Vielleicht seine Bildung? Seine autoritäre Liberalität?

ZEIT: Ist Friedrich der Große so eine Art guter Deutscher?

Clark: Vor allem ist er ein nicht nationaler Deutscher! Friedrich hat sich geweigert, Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Auch die Flöte galt als ein französisches Instrument. Im Grunde war er Franzose.

Krzemiński: Und er wurde bemüht, um nach 1945 eine positive deutsche Kontinuität herzustellen – über den Bruch des Nationalsozialismus hinweg.

Clark: Schon die Zeitgenossen haben ihn als eine sehr charismatische Figur wahrgenommen. So entstand eine Art Patriotismus, der sich auf das Oberhaupt des Staates bezog. Der preußische Patriotismus funktionierte ja nicht so, dass die Leute sagten: Ich liebe Preußen, weil die preußische Küche so gut ist oder weil die preußische Sprache so schön klingt – denn so was gab es ja gar nicht. Es ging nicht um Kultur. Preußen war auch kein Nationalstaat. Es ging um diesen Menschen, der Preußen verkörperte und den sie »den Großen« oder »den Einzigen« nannten. Das ist ein ganz anderer Patriotismus als der amerikanische oder der englische, der eine sehr viel breitere Palette von Bezugspunkten hat. Friedrich hat zudem unglaublich viele Schriften hinterlassen, in denen er ganz direkt zu uns, zur Nachwelt spricht.

ZEIT: Aber verstellt nicht gerade das oft den Blick auf den »wahren« Friedrich? Sitzen wir womöglich einer einzigen geschickten Selbstinszenierung auf?

Krzemiński: Friedrich ist ein historisches Gesamtkunstwerk. Er ist Politiker, Künstler, Intellektueller, Selbstdarsteller. Damit öffnet er sich uns und verschließt sich zugleich. An bestimmte Dinge werden wir wahrscheinlich nie letztgültig rankommen, an die libidinösen Strukturen dieses Mannes etwa... Die Suche nach dem »wahren« Friedrich hat übrigens insbesondere in dieser Hinsicht ziemlich amüsante Blüten getrieben. So müssen manche Historiker, wie mir scheint, fast zwanghaft beweisen, dass Friedrich zeugungsfähig gewesen ist. Sie wollen den »wahren« Friedrich – aber nur einen, der ihnen gefällt: Preußens Machtzuwachs darf keine triebhafte Kompensation der königlichen Impotenz gewesen sein!

Clark: Dahinter steckt noch eine ganz andere Befürchtung – dass er schwul war. Was vermutlich stimmt. Seine Schriften und zeitgenössische Quellen lassen recht klar erkennen, dass er ein Mann mit homoerotischen Neigungen gewesen ist...

Krzemiński: ...und ein Misanthrop und Zyniker war.

Clark: Ich weiß nicht, ob er wirklich Zyniker war. Das ist ja ein sehr negativer Begriff. Ein Zyniker ist jemand, der keine Werte mehr vertritt.

ZEIT: Thomas Mann hat über Friedrich geschrieben: »Er war ein Opfer. Er meinte zwar, dass er sich geopfert habe: seine Jugend dem Vater, seine Mannesjahre dem Staate. Aber er war im Irrtum, wenn er glaubte, dass es ihm freigestanden hätte, es anders zu halten. Er war ein Opfer. Er musste unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen, er durfte nicht Philosoph, sondern musste König sein.«

Clark: Das sagt viel über Thomas Mann aus.

ZEIT: Aber trifft es auch etwas von Friedrich? Oder denkt Thomas Mann zu tragisch?

Clark: Ich glaube nicht, dass Friedrich sich danach gesehnt hat, nicht König zu sein. Als junger Mann hat er einmal gesagt: Ich bin wie ein Spiegel, der immer nur wiedergibt, was um ihn herum ist, und der nie er selbst sein darf. Was das nun eigentlich bedeuten sollte, wissen wir nicht. Das kann mit seiner Sexualität zu tun haben, mit seiner Rolle als König, mit seinem Verhältnis zu seinem Vater oder mit allem auf einmal. Entscheidend ist, dass ihm diese Spiegelexistenz vieles überhaupt erst ermöglicht hat. Sein Königsein und sein Philosophenleben bedingten sich ja letztlich eher, als dass sie in Konkurrenz zueinander standen. Als Normalsterblichem wäre es ihm doch gar nicht möglich gewesen, seine Interessen in dieser Weise auszuleben. Denken Sie an Sanssouci! Gewiss gab es allerhand Verkorkstheiten, Störungen und Blessuren in seinem Leben, aber ich glaube, er war ein wirklich erfüllter Mensch.

ZEIT: Was hätte er geantwortet, wenn man ihn gefragt hätte, wer der »wahre Friedrich« sei?

Clark: Er hätte die Frage nicht verstanden oder einen Wutanfall bekommen. Er lehnte die Idee von Authentizität ab. Vielleicht kann man so weit gehen und sagen: Sich zu verstellen, verschiedene Rollen zu spielen, das war sein Wesen.

Krzemiński: Und es war für ihn von früh auf überlebenswichtig. Spätestens seit sein Vater seinen Freund Katte vor seinen Augen hat köpfen lassen, musste er sich verstellen. Wenn man das mit heutigen psychologischen Kategorien analysiert, da graust es einem.