[00:07] <ef> : Sagt mal, Ihr Nerds. Was ist am Netz eigentlich utopisch?

[6:09] <kpm> : Neu ist am Netz jedenfalls nichts mehr.

[6:12] <ef>: Wie bitte?

[6:12] <kpm>: Die ganze Welt ist inzwischen im Netz oder ans Netz angebunden. Wie kann sie da auf einmal eine neue Welt sein?

[7:34] <pha> : Stimmt. Trotzdem birgt das Netz utopisches Potenzial, weil es neue Formen sozialen Miteinanders ermöglicht. Und die Gesellschaft muss sich ja ändern, damit wir eine Alternative zum Kapitalismus finden.

[7:45] <goh> : Also lasst uns zuerst über die Netz-Gesellschaft reden. Da liegen Utopie und Apokalypse total eng beisammen: wie bei 4chan.org/b. Da gibt es keine Zensur, totale Anonymität, und einige Nutzer laden die krassesten Bilder hoch. Pornografie. Quälereien. Eine ist berühmt: Da hält ein Mann einen Hund auf einer Eisenbahnbrücke übers Geländer, und als der Zug kommt, lässt er ihn fallen. Ein paar Netznutzer waren darüber so empört, dass sie den Täter gesucht – und tatsächlich gefunden haben. Das hat im Netz natürlich die Runde gemacht, und die Erfahrung, so viel bewirken zu können, hat andere Hacker motiviert, sich mit Scientology und Dutzenden von Konzernen anzulegen . Und die waren wiederum Vorbild für die Occupy-Bewegung . Irre, oder?

[7:54] <stx> : Leute, macht das Internet nicht schlecht. Meine Träume sind jedenfalls wahr geworden. Als ich ein kleiner Junge war, saß ich vor meinem Commodore. Der war unvernetzt, und die Welt kam in DIN-A5-Umschlägen mit der Post von meinem Freund Norman, der mir Disketten mit raubkopierten Spielen schickte. Mann, habe ich gern Indiana Jones gespielt.

[7:59] <goh>: Eine erfüllte Kindheit.

[8:06] <stx>: Indy und Co haben uns an die Kisten gelockt, klar. Aber es ging eben nicht nur ums Spielen. Ich habe davon geträumt, dass der Computer zum Werkzeug wird, um mit der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Mit dem Universum. So wie bei Raumschiff Enterprise . Aber inzwischen sind wir selber Science Fiction. Wenn ich im Büro einen Text angefangen habe, kann ich ihn auf dem Telefon oder dem iPad unterwegs in der S-Bahn weiterschreiben. Und morgens, zwischen dem Frühstück mit meiner Liebsten und bevor ich die Wohnung verlasse, nutze ich noch mal so einen 7-Minuten-Slot zum Weiterarbeiten. Ort und Zeit spielen keine Rolle mehr.

[8:45] <kpm>: Okay, lass uns festhalten. Einige frühe Internetutopien sind wahr geworden: der Zugang zu Wissen von überall her – aber auch die gleichzeitige Wahrnehmung von Dingen an unterschiedlichen Orten. Vor wenigen Wochen, es war während der ersten großen Occupy-Proteste, versandte der Twitter-Account Occupy Karlsruhe folgenden Tweet: "In Melbourne wird gerade eine Demonstration von der Polizei aufgelöst." Das Schlagwort des Tweets war "#occupy". Von Karlsruhe bis nach Australien ist es ein Symbol dafür, dass wir gemeinsam zeitgleich handeln. So unmittelbar sind sich Menschen über derart große Distanzen noch nie begegnet.