Ist von Kuba die Rede, sorgen seit einigen Jahren zwei Damen für den spannendsten Gesprächsstoff. Die 36-jährige Dissidentin Yoani Sánchez stellt seit dem April 2007 kritische Alltagsnotizen ins Netz und ist durch ihren Internetblog Generación Y zu weltweitem Ruhm gelangt. Das US-Magazin Time zählte sie schon 2008 zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt. Auf ihrer Insel dagegen wird sie immer mal wieder von Geheimpolizisten malträtiert. Die andere Kubanerin, die gerne für Überraschungen sorgt, ist Mariela Castro, Fidel Castros Nichte und Präsident Raúl Castros Tochter. Sie kämpft im altrevolutionären Macho-Land seit Jahren resolut für die Rechte von Schwulen und Lesben.

Jüngst nun hat Mariela Castro etwas unternommen, was noch nie ein Mitglied ihrer Familie tat. Sie kreuzte über Twitter die Klingen mit der Regimegegnerin Yoani Sánchez. Das Duell begann in der zweiten Novemberwoche. Die Präsidententochter eröffnete ihr erstes Twitter-Konto. Sogleich schickte sie Kurzmitteilungen über ihre Arbeit als Direktorin des kubanischen "Zentrums für sexuelle Aufklärung" ins Netz. Prompt wurde sie von Yoani Sánchez in der "Pluralität von Twitter" begrüßt. Und die Dissidentin fügte in Anspielung auf Mariela Castros Rolle als Schutzpatronin der Transsexuellen die politische Frage hinzu: "Wann werden die Kubaner auch anderen Neigungen (los otros amorios) frönen dürfen?" Toleranz könne es doch "nur umfassend geben – oder nicht?"

Der liberale Spross der Castro-Familie antwortete völlig überraschend und zunächst gelassen, dass Sánchez mit ihrer Forderung nach umfassender Toleranz "die alten Mechanismen der Macht" reproduziere. Um Kuba zu helfen, müsse sie mehr lernen. Gegen diese arrogante Belehrung erhob sich eine Front regimekritischer Blogger. Darauf zog sich Mariela Castro wieder in das von den Castros gerne beschworene Reich der Tiervergleiche zurück: "Jämmerliche Parasiten, haben Sie von Ihren Auftraggebern den Befehl, mit mir unisono nach einem vorgeschriebenen Text zu korrespondieren? Seien Sie kreativ!"

Dass Mariela Castro kleinere Lebewesen zur Diskriminierung der Dialogpartner bemüht, hat Familientradition. Ihr Onkel Fidel hatte einst emigrierende Kubaner als gusanos, Würmer, verflucht. Seine Nichte machte aus Yoani Sánchez schon vor drei Jahren polemisch ein transsexuelles Geschöpf: "Hähnin" hatte sie die Bloggerin auf der Website ihres Instituts genannt, nachdem sich beide mitten in Havanna im Mahagoni-bestuhlten Amphitheater der einstigen Asturischen Gesellschaft ein zunächst höfliches Geplänkel geliefert hatten. Schon damals fragte Sánchez die Sexualforscherin auf einer Pressekonferenz, wann das "Anderssein" nicht nur sexuelle Präferenzen, sondern auch politische und ideologische Tendenzen einschließen werde. Mariela Castro antwortete noch lächelnd: "Das ideologische und politische Feld liegt außerhalb meiner Reichweite" – trat dann aber übers Internet auf die "Hähnin" Sánchez ein.

So repräsentiert die schöne Castro-Nichte besonders anschaulich das heute zwischen Reform und Repression schwankende Regime. Mit den ersten Reflexen verkörpert sie ihre Rolle als liberale Attraktion Kubas. Mit den zweiten Reaktionen kehrt sie die immer noch autoritäre Staatsräson und Familientradition heraus.

Ohne auf die "Parasiten" einzugehen, hat Yoani Sánchez der Präsidententochter mit diplomatischer Ironie geantwortet: "Als ich zu twittern begann, war meine Stimme unbeholfen, nicht vertraut mit der Pluralität dieses weltweiten Raumes... Mariela Castro wird, wenn sie weiter twittert, den demokratischen Dialog, in dem keiner den anderen zu belehren versucht, besser verstehen lernen. Dann, so hoffe ich, können wir debattieren, einen Kaffee trinken – warum nicht – und zusammen besser lernen, welch schwerer Weg vor uns liegt."