Schlossweiher, Stadtpark, Stadtbibliothek und mittendrin in diesem Ensemble ein weißer Kubus mit hohen Fenstern und einem Eingang in leuchtendem Karminrot: das Museum Lothar Fischer. Die kleine Stadt Neumarkt am Rande der Oberpfalz hat sich mit diesem Haus ein ebenso schönes wie ungewöhnliches Geschenk gemacht. Mehr als 10.000 Besucher kommen im Jahr, viele allein, um Fischers Skulpturen zu sehen, in einem Haus, an dessen Planung er noch selbst beteiligt war. Vier Tage vor der Einweihung 2004 ist er, Jahrgang 1933, gestorben.

Fischer hatte seine Kindheit und Schulzeit in Neumarkt verbracht, ehe er 1952 nach München an die Akademie der Schönen Künste ging und 1957 zusammen mit Gleichgesinnten die berühmte Künstlergruppe SPUR gründete. Es waren die jungen Wilden jener Zeit, und der immer etwas bäuerlich-behäbig wirkende Fischer wurde ihr Spiritus Rector. "Wer Kultur schaffen will, muss Kultur zerstören", war einer der Glaubenssätze, und Anfang der sechziger Jahre brachte es SPUR sogar zu einem spektakulären Prozess, in dem unter anderem ein gewisser Dieter Kunzelmann wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften angeklagt und verurteilt wurde.

Fischer indes zog es vor, wenn er nicht zum Skifahren in Kitzbühel war, an seiner Karriere zu arbeiten. Bald hatte er es zu überregionaler Bedeutung gebracht, gekrönt von einer Professur an der Berliner Akademie der Künste. Er bekam damals Auftragsarbeiten weit über Bayern hinaus, und so stößt man heute auch im Norden Deutschlands immer wieder auf Werke von ihm.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Es sind eigentümlich zwischen Figürlichkeit und Abstraktion changierende, häufig archaisch wirkende Arbeiten, die "aus Ausgrabungen stammen könnten", wie es Wieland Schmied einmal ausdrückte. Fischer hat sich ausführlich mit ägyptischer, etruskischer und afrikanischer Kunst beschäftigt und dabei viele Themen vorgefunden, die ihn bei seiner eigenen Arbeit leiteten. Fischers Kosmos ist von vielen ernsten, archetypischen Figuren bevölkert, und immer wieder trifft man auf mythologische Anspielungen.

Doch Fischer konnte auch anders, wie das Museum in Neumarkt zeigt. Manchmal war seine Kunst sogar verspielt und leicht. Da gibt es, ohne eine Spur metaphysischer Bedeutungsschwere, das Paar beim Kartenspiel, eine auch farblich durchkomponierte Plastik, die einen Hauch von Witz offenbart. Ungewöhnlich auch die Sich Wiederholende, eine aufeinandergesetzte Doppelfigur, die aussieht wie zwei Botero-Skulpturen übereinander. Sie zeigt sehr schön, zu welchem Eigensinn dieser Künstler imstande war. Störrisch war er und konnte im entscheidenden Augenblick die Außenwelt völlig vergessen.

Rund 300 Plastiken besitzt das von der Kunsthistorikerin Pia Dornacher geleitete Haus, darunter das Wandrelief Wagenlenker im Eingangsbereich. Hinzu kommen Skizzenbücher, Zeichnungen und Gemälde. Herzstück ist freilich die von Christel und Lothar Fischer angelegte Privatsammlung, die sowohl Werke aus den sechziger bis neunziger Jahren wie auch Außereuropäisches beisteuerte. Ihr und der Initiative der Stadt Neumarkt, zusammengeführt in einer Stiftung, verdankt dieses Haus seine Existenz. Es ist eine späte Liebe der Neumarkter zu ihrem berühmtesten Sohn, aber, wie es aussieht, eine beständige.

Und man begnügt sich keineswegs damit, nur Fischer zu zeigen. Drei Wechselausstellungen pro Jahr stellt man mit viel ehrenamtlichem Engagement auf die Beine. So kommt es, dass man in der Oberpfalz auch Werke von Henry Moore, Alberto Giacometti oder Maria Lassnig bestaunen kann.