Dieser Tintling drängt sich nicht auf. Hansjörg Beyer betastet den ockergelben Hut, beäugt die Sprenkel auf dem Scheitel. Ist es der Glimmer- oder der Weidentintling? Der Experte seufzt und schaltet das Mikroskop ein.

Hansjörg Beyer ist Berlins Pilzbeauftragter. Jeden Montag lädt er zur Sprechstunde. Wer lieber mit Namen kennt, was auf dem eigenen Teller landet, findet bei ihm kostenlos Rat. Beyer ist der Mittler zwischen Mensch und Pilz. Er weiß, dass oft nur eine Farbnuance über Gaumenkitzel oder Brechdurchfall entscheidet. Der hochgewachsene Mann sitzt in einem Seitensaal des Botanischen Museums in Berlin-Dahlem. Die Herbstsonne streichelt die leeren Vitrinen und die Faltblätter, die Beyer darauf verteilt hat: Pilzwissen kompakt, mit vielen warnenden Ausrufezeichen. Vor seinem Tisch stehen im Halbkreis mehrere Besucher: eine französische Touristin, die die Ausbeute eines Spaziergangs mitgebracht hat. Eine Rentnerin, die beim Dackelausführen entlang der S-Bahn neue Pilzgründe entdeckte. Ein bärtiger Mann, der "Hallo, Hansjörg" ruft – er ist Stammkunde und ist gestern stundenlang durch den Grunewald gestromert, um Beyer ein besonders seltenes Exemplar präsentieren zu können.

Es ist kein Luxus, dass Berlin einen Pilzberater hat. In wohl keiner anderen europäischen Metropole lassen sich so viele Pilze finden. Das liegt am Klima, im Herbst regnet es hier viel, und auch an der Geschichte: Preußens Könige legten großen Wert auf ihre Spazier- und Jagdgebiete. Später war West-Berlin eingemauert, man hegte seine grünen Lungen. Und im Ostteil gediehen Wälder, die direkt an der Mauer lagen und nicht betreten werden durften. Wer heute hier in die Pilze will, muss nur um die Ecke biegen oder ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. Selbst auf Schwimmbadwiesen kann man ganze Mahlzeiten finden. Und die Stadtwälder sind alle pilzreich, ob Düppeler oder Tegeler Forst, zu jeder Jahreszeit, auch im Winter. Für Kenner gibt es keine Saison. "Manche der leckersten Pilze wachsen nach den ersten Frösten." Den Samtfußrübling etwa findet, wer im Tegeler Fließ den Schnee von Pappel- oder Birkenästen wischt.

Der Pilzbeauftragte grüßt und schüttelt Hände; dann leert er die Tupperdose der Rentnerin auf einem Holzbrettchen aus und schnuppert. "Pilze bestimmt man auch mit der Nase." Der Tonweiße Schüppling, den er in die Runde reicht, riecht wie ein Schuhkarton. Der Heringstäubling stinkt wie alter Fisch, "gebraten schmeckt er aber sehr gut".

Klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.

"Viele Leute essen erst und denken dann"

Beyer ist Pilzfan aus Familientradition: Schon die Eltern und der Onkel waren Hobby-Mykologen. Lesen lernte er mit einem Pilzbestimmungsbuch. Während andere Kinder Fußball spielten, suchte er Täublinge im Grunewald. Später legte er bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie die Prüfung zum Pilzsachverständigen ab. Seit 2010 ist er im Nebenberuf Pilzberater. Er will die Menschen Respekt vor Pilzen lehren. Denn "viele Leute essen erst und denken dann". Anschließend wählen sie die städtische Giftnotruf-Nummer, werden an Beyer verwiesen. "Und dann bringen sie mir Reste aus der Biotonne mit und ich soll erraten, was das war." Beyer ist aufgrund solcher Erfahrungen ein strenger Pilzberater: Vieles, was seine Klienten gesammelt haben, kassiert er ein, selbst wenn es essbar ist. "Sonst glauben die, einen Pilz zu kennen, und beim nächsten Mal erwischen sie einen giftigen Doppelgänger ."

Er selbst würde sich zwar auch einen Pfifferling braten ; aber er bevorzugt Pilze für Kenner. So konkurriert er auch nicht mit den Massen, die an manchen Herbsttagen den Grunewald durchstöbern. Er schätzt den Perlpilz, "der sehr aromatisch ist", aber leicht zu verwechseln mit dem giftigen Pantherpilz. Oder er schabt die schwabbelige Membran von jungen Stinkmorchelhexeneiern herunter und mischt diese unter die Bratkartoffeln. Die besten Rezepte veröffentlicht er im Fachjournal Tintling , benannt nach jenen Hutpilzarten, deren Lamellensaft als dokumentenechte Tinte verwendet werden kann.

Tage später stapft Dirk Harmel durch seinen Lieblingspilzkiez in Berlin-Frohnau. Vor Minuten noch radelte er, umgeben von Autokolonnen, über eine vierspurige Straße. Jetzt riecht es nach Moos und Erde und Frische. "Ich bin ein Draußi, immer schon gewesen", sagt er. "Nur war ich früher eher auf dem Wasser als im Wald unterwegs." Lange kannte er Pilze vor allem als abgepackte Champignons. Dann ging er vor zwei Jahren aus Neugierde Pfifferlinge suchen, "und das Pilzfieber hat mich gepackt". Er nahm an Führungen teil, wälzte Bestimmungsbücher, legte die Prüfung zum Sachverständigen ab. Heute bietet er Seminare, Ausflüge und Pilzreisen an.