An der Wand der Produktionshalle hängt ein Autogramm in Posterformat: "Sérgio, Thank you for helping reach my goals" steht darauf. Unterschrieben von Michael Phelps. Der 14-fache Olympiasieger aus den USA schwamm 2008 in Peking von Rekord zu Rekord. Dabei trug er einen Schwimmanzug, der hier, in einem abgelegenen Dorf in der nordportugiesischen Provinz, entstand: den LZR Racer der Marke Speedo. Bis heute wissen meist nur Fachleute, dass die Maschinen, mit denen der schnelle Anzug gefertigt wurde, von der Firma Petratex in der Nähe von Paços de Ferreira entwickelt wurden und Nosew, die nahtlose Nähtechnik, die den Widerstand im Wasser reduziert, eine ihrer Erfindungen ist. Die Öffentlichkeit nimmt Portugal als Armenhaus wahr, das von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) vor dem Bankrott gerettet werden muss . "Wenn alle so arbeiten würden wie wir, wäre die Situation eine andere", sagt Petratex-Chef Sérgio Neto, der Mann, dem Phelps mit dem Autogramm dankte.

Sparen allein bringt die verschuldeten Länder Europas nicht aus der Krise . Das hat das Beispiel Griechenlands gezeigt. Portugal muss seit Juli die strengen Sparauflagen erfüllen, die mit der Troika aus IWF, EU und Europäischer Zentralbank als Gegenleistung für das 78 Milliarden Euro umfassende Hilfspaket ausgehandelt wurden. Die konservative Regierung, seit dem Sommer im Amt, weil die alte, sozialistische über die Krise stürzte, hat kaum Handlungsspielraum. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr und vermutlich auch im nächsten weiter schrumpfen .

Dabei könnte Portugals Textilindustrie zeigen, wie man die Krise bewältigt. Allerdings ist es ein Beispiel im Positiven wie im Negativen. Unternehmen wie Petratex konnten sich mit Innovationen neu positionieren. Viele andere blieben aber auf der Strecke – samt den Menschen, die für sie arbeiteten.

Zwischen 2000 und 2010 nahm die Zahl der Arbeitsplätze um beinahe 78.000 auf 15.7770 ab. Das ist sehr viel in einem Land, in dem sich jeder fünfte Job der verarbeitenden Industrie in einer Textilfabrik befindet. Allein 2005, als die Handelsschranken für China fielen, brachen die Umsätze um 14 Prozent ein.

"Früher waren wir vor allem eine billige Nähstube für Firmen aus anderen Ländern", erzählt der 43-jährige Neto. Petratex fertigte im Auftrag von Marken wie Mondi, Trumpf, Levi’s, adidas oder Nike. Die Spieler des FC Bayern München und von Real Madrid liefen in Trikots made in Portugal auf. Mit dem Aufkommen zunächst der osteuropäischen und dann der asiatischen Konkurrenz aber wandten sich viele Kunden ab.

"Wir verloren 85 Prozent unseres Markts", sagt der Firmenchef, doch heute "kennt Petratex keine Krise". 2010 ist der Umsatz um 20 Prozent gestiegen, mehr als dreimal so stark wie im Branchendurchschnitt. Für das zu Ende gehende Jahr erwartet er ein ähnliches Wachstum. Am 2. Januar haben Neto und die Abteilungsleiter wie immer seit der Umstrukturierung die Ziele für das Geschäftsjahr formuliert und gut sichtbar an die Wände der Produktionshallen gehängt. An jeder Nähmaschine und jedem Zuschnitt-Tisch, wo Laser auf den Nanometer genau Hemdkragen oder Ärmelbündchen ausstanzen, steht ein Computer, der die Stückzahlen registriert. An großen Bildschirmen bilden Balkendiagramme ab, ob die Abteilungen im Plan sind. "So können wir sofort nachjustieren", sagt Neto.

Petratex hat eine lukrative Nische ausgemacht. 40 der rund 400 Mitarbeiter sind heute allein damit beschäftigt, Prototypen für Märkte zu entwickeln, in denen die Abnehmer bereit sind, für Qualität zu bezahlen. Teure Sportkleidung vor allem aus Materialien, die atmungsaktiv und wasserabweisend sind, Gerüche absorbieren, Parfüm verströmen oder die Bedienelemente für ein in der Innentasche verstautes Handy am Jackenärmel platziert haben. Gearbeitet wird aber auch an sogenannter "intelligenter Kleidung", die den Körper automatisch mit Feuchtigkeit versorgt, die Narbenheilung fördert oder, wie das sogenannte Vital Jacket, lebenswichtige Körperfunktionen misst und die Daten sofort in die Arztpraxis übermittelt.

"Portugal hat eine funktionierende innovative Industrie"

Das Vital Jacket wurde von einem Spin-off der Universität in Aveiro entwickelt. Aveiro liegt etwa auf halbem Weg zwischen den portugiesischen Großstädten Porto und Lissabon und wurde in den vergangenen Monaten gerne als Beispiel für die Verschwendungssucht genannt, die Portugal über kurz oder lang in den Abgrund reißen musste. Schließlich wurde dort für exakt zwei Gruppenspiele der Fußball-EM 2004 ein nagelneues Stadion gebaut, das seither niemand mehr braucht. "Wir haben auch Fördergelder vom Staat und von der EU bekommen, aber ich würde sagen, die waren gut angelegt", sagt Luís de Meireles voller Ironie in der Stimme.

Stolz breitet der 34-jährige Chef des Unternehmens Biodevices ein unscheinbares ärmelloses T-Shirt auf dem Konferenztisch aus. Ein Unterhemd, könnte man meinen. Doch als de Meireles die Innenseite nach außen wendet, sieht man bunte EKG-Pflaster an dünnen Kabeln herabbaumeln. "Das Vital Jacket lässt sich total unauffällig unter jeder Kleidung tragen und sogar in der Maschine waschen", sagt de Meireles. Mit 100 bis 120 Euro für das Shirt und rund 3.000 Euro für die Technik sei die Erfindung nicht nur für teure Privatkliniken erschwinglich. Fünf Jahre nach der Gründung der Firma 2006 hat sie die Gewinnschwelle erreicht. Der Firmenchef, promoviert in Biotechnologie, ist optimistisch. Nach Spanien, Großbritannien, Frankreich und Brasilien exportiert Biodevices schon. Demnächst soll Deutschland folgen.

Paulo Vaz, Präsident des Textilverbandes ATP, ist überzeugt: "Wir und innovative Unternehmen aus anderen Branchen können dem Staat helfen, aus der Krise zu gelangen." Aber die Regierenden müssten ebenfalls ihren Job machen, fordert er. Dazu gehöre, den Ideenreichtum der heimischen Industrie zu fördern und den Unsummen verschlingenden, auf 700.000 Mitarbeiter aufgeblähten öffentlichen Dienst einzudampfen. "Dort werden mehr als die 700 Euro verdient, die in unserer Branche einen Durchschnittslohn ausmachen", wehrt sich der Verbandschef gegen Forderungen nach weiteren Lohnkürzungen.

Bereits heute würden 20 Prozent der Umsätze in Portugals Textilindustrie mit sogenannten technischen Textilien bestritten, sagt Vaz, "2015 sollen es 25 Prozent sein". Bis dahin soll Portugal wieder auf eigenen Beinen stehen können. Ob das gelingt, wird auch davon abhängen, ob die portugiesische Wirtschaft neue Exportmärkte erschließen kann. Denn im Land selbst wird den Konsumenten wegen der angekündigten Steuererhöhungen und Kürzung der Gehälter die Kauflust vergehen.

Der Textilverbandschef denkt beispielsweise an die Produktion von antibakterieller Bettwäsche oder Strumpfhosen gegen Cellulite. "Da stehen uns noch viele Möglichkeiten offen", sagt Vaz, "Portugal hat eine funktionierende innovative Industrie, auch wenn das im Ausland meist nicht so wahrgenommen wird." Um das zu ändern, traf sich Wirtschaftsminister Alvaro Santos Pereira vor wenigen Tagen mit Vertretern der Exportfirmen. Auch Petratex hatte seine Leute geschickt.