Im Jahr 1839 veröffentlichte der Engländer Frederick Marryat ein satirisches Reisetagebuch mit dem Titel Diary in America . Darin beschrieb er auch seinen Besuch in einem Mädchenpensionat im Staat New York, bei dem er angeblich ein Klavier zu Gesicht bekam. "Die Leiterin des Etablissements", schrieb Marryat, "hatte die vier Beine mit züchtigen kleinen Höschen verkleidet, unten herum mit Rüschen besetzt!"

Ob der Reisende dieses Klavier wirklich gesehen hat oder ob er sich nur über die puritanischen Amerikaner lustig machen wollte, ist nicht bekannt. In seiner Heimat ging es allerdings nicht weniger prüde zu – im 19. Jahrhundert waren auch in England Sinnlichkeit und Erotik zunehmend verpönt. Königin Viktoria verkörperte diesen Wandel, ihr Onkel George IV hatte noch als ausschweifender Playboy gegolten. Aber die Vorstellung, dass in der viktorianischen Ära in England oder Nordamerika die Beine von Tischen, Stühlen und auch Klavieren züchtig verhüllt werden mussten, weil sie an Frauenbeine erinnerten, ist irrig.

Es gibt aus der viktorianischen Zeit schon fotografische Dokumente, es sind auch ganze Wohnungen liebevoll restauriert und dokumentiert worden, und es fällt auf, dass zum Beispiel viele Tischbeine mit üppigen Schnitzereien verziert wurden. Die zeigte man dann auch her – wozu sonst der ganze Aufwand? Wenn Tische mit Stoff verhüllt wurden, dann hatte das einen anderen Zweck. In dem Buch Victorian Style von Judith und Martin Miller heißt es: "Die Sitte, Tische mit Rüschenstoffen zu verhüllen, diente dazu, dass die untere Mittelklasse ihre schlichten Kieferntische verkleiden konnte."

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Während trotz aller Prüderie sogar Aktgemälde an der Wand durchaus akzeptabel gewesen sein sollen – solange die Porträtierten einen neutralen Gesichtsausdruck zeigten –, galten nackte Frauenbeine im richtigen Leben damals als frivol. Die Damen mussten sich bis zum Knöchel hinab verhüllen. Selbst das Wort leg (Bein) sprachen Töchter aus gutem Hause möglichst nicht aus. Sie benutzten stattdessen das neutralere limb (Gliedmaß).

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