Meine Großeltern hatten ihre Bauernregeln", sagt Heiko Freese, "aber die stimmen nicht mehr." Seit der 31-jährige Biolandwirt den elterlichen Hof im ostfriesischen Rhauderfehn übernommen hat, gab es extreme Trockenheit im April und Frost nach den Eisheiligen. Als dann vor zwei Jahren auch noch ein Minitornado durchs Dorf fegte und einen seiner Folientunnel zerfetzte, hat Freese beschlossen, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Nicht nur mit der Vermeidung von Treibhausgasen, sondern auch mit der Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels . Er ließ seine Entwässerungsgräben sanieren und plant den Neubau eines stabileren Gewächshauses. Freese will für Starkregen, Orkane und andere Wetterkapriolen gewappnet sein, deren Zunahme Klimafolgenforscher für kommende Jahrzehnte voraussagen.

Nicht nur Biobauern machen sich solche Gedanken. 50 Kilometer südwestlich von Heiko Freeses Hof wacht die Agrarwissenschaftlerin Henrike Glawatz auf dem Moorgut Kartzfehn über die Mast von 330.000 Puten. Am Anfang ihres fünfmonatigen Lebens brauchen sie Wärme, am Ende Kühlung. Denn Puten können – wie Hunde – nur hecheln, nicht schwitzen. Knallt die Sommersonne aufs Stalldach, reicht Hecheln zur Abkühlung nicht aus. Gerade im Sommer ist der Andrang im Stall am größten, Grillsaison ist Hochsaison für Putenfleisch. Und Hochsommertage mit Temperaturen über 25 Grad wird es dank Klimawandel auch im kühlen Nordwesten künftig öfter geben.

"Man kann die Ställe mit Klimaanlagen ausrüsten, das ist aber sehr teuer", sagt Glawatz. Auf ihrer Testfarm erprobt sie deshalb die sogenannte Tunnelventilation. Ein Gebläse pustet Außenluft durch den Stall, der Windchill-Effekt kühlt die Puten. Die Technik kommt aus Spanien, dort hat man reichlich Erfahrung mit Hitze. "Unser Ziel ist die Anpassung an deutsche Stalltechnik", sagt Glawatz. Denn anders als in Spanien muss die nicht nur in der Sommerhitze, sondern auch bei Frost funktionieren. Die Zahl der Tage mit Schnee und Eis nimmt mit dem Klimawandel zwar ab, doch kurze Kälteeinbrüche wird es hier auch in hundert Jahren noch geben.

Deutschlands Reichtum basiert auf der Verbrennung fossiler Energie, den Klimawandel haben wir damit befeuert. Genau dieser Reichtum ermöglicht uns die rechtzeitige Vorbereitung auf Klimafolgen. Und die werden hierzulande noch vergleichsweise moderat ausfallen. Während in Thailand die Hauptstadt absäuft und im Sahel die nächste Hungerkatastrophe droht, erwarten wir abnehmende Schneemengen. Im Frühjahr und Sommer ist mit einzelnen Dürreperioden zu rechnen, im Winter wird es dafür mehr regnen, der Meeresspiegel steigt weiter , Unwetter werden heftiger und häufiger, die Vegetationsperiode verlängert sich, insgesamt wird es wärmer.

Für Deutschland birgt der Klimawandel Risiken, aber auch Chancen. Winterliche Überschwemmungen werden zu-, Frostschäden dagegen abnehmen. Subtropische Infektionskrankheiten werden im Norden eine Gefahr für Tier und Mensch, sommerliche Trockenheit gefährdet die Binnenschifffahrt und kann durch Kühlwassermangel zum Ausfall von Kraftwerken führen. Aber der verlängerte Sommer wird manchem Landwirt eine zweite Ernte bescheren und den Tourismus an Nord- und Ostsee beflügeln.

Sturmfluten als gefährlichste Klimafolge

In sieben deutschen Regionen lässt das Bundesforschungsministerium all das genau untersuchen, 83 Millionen Euro stehen bis 2014 dafür zur Verfügung. Heiko Freeses Biohof und die Putenställe in Kartzfehn sind am Projekt Nordwest2050 beteiligt, es deckt das Gebiet rund um Bremen und Oldenburg ab. Dazu gehört die Nordseeküste, und so ist es kein Wunder, dass Sturmfluten als gefährlichste Klimafolge ermittelt wurden. Danach rangieren Hitzeperioden, Starkregen und die Bedrohung der Biodiversität durch die Zuwanderung fremder und das Aussterben heimischer Arten.

Als recht hoch erwies sich in der Analyse aller Stärken und Schwächen aber auch unsere Anpassungsfähigkeit. Deutschland verfügt über die nötige Technik und das Geld, um sich mit Deichbau, verbesserter Kanalisation und Ökosystemmanagement rechtzeitig vor den Gefahren zu schützen. "Mittelfristig wird der Klimawandel beherrschbar sein", fasst Stefan Wittig, einer der Projektleiter, das Ergebnis der sogenannten Verwundbarkeitsanalyse zusammen.

Die Landwirtschaft muss sich auf neue Anbaumethoden und Fruchtfolgen vorbereiten. Heiko Freese experimentiert dafür mit alten Getreidesorten. "Waldstaudenroggen wächst schnell und wurzelt tief", sagt er, "deshalb kommt er mit Trockenheit im Frühjahr gut klar." Der erste Ertrag war zufriedenstellend, und nebenbei fiel viel Stroh für seine Mutterkuhherde ab. Freeses Versuch mit Freilandtomaten ist dagegen ins Wasser gefallen. "Wir hatten diesen Sommer viel zu viel Regen." Nächstes Jahr will er seine Tomaten unter einer neuen Hightechfolie aus Japan anbauen. "Die lässt 96 Prozent des Lichts durch und schützt gegen Starkregen." Den hohen Preis kann Freese verschmerzen, das Forschungsprojekt finanziert die Hälfte der Kosten seiner Experimente.

Die Erfahrungen – egal, ob gut oder schlecht – helfen der Landwirtschaft, flexibel auf künftige Klimaveränderungen zu reagieren. Das ist vergleichsweise einfach, weil jedes Jahr neu entschieden werden kann, was ausgesät wird. Fachleute sprechen von einem kurzen Planungshorizont. Bei großen Infrastrukturprojekten ist das anders.

Uwe von Bargen kann ein Lied davon singen. Er ist Umweltdirektor von bremenports; das städtische Unternehmen ist für Bau und Betrieb der Häfen im kleinsten Bundesland verantwortlich. 500 Millionen Euro hat die jüngste Erweiterung des Bremerhavener Containerterminals gekostet. Auch in 60 Jahren sollte keine Sturmflut den Kai überspülen können. Bei den Berechnungen wurde ein Meeresspiegelanstieg von 50 Zentimetern fest eingeplant, zusätzlich sorgt eine Kammer unter der Kaikante für die Abpufferung hoher Wellen.

Derart vorausschauende Planung soll die Widerstandsfähigkeit gegen mögliche Klimafolgen erhöhen, "Resilienz" nennt das von Bargen – und bezieht es keineswegs nur auf Bauwerke. Im Projekt Nordwest2050 arbeitet bremenports an einem Gesamtkonzept für nachhaltiges Hafenmanagement in Zeiten des Klimawandels. In den Zukunftsszenarien, die dafür entwickelt werden, geht es auch um die Chancen, die zum Beispiel in neuen Schifffahrtswegen durch eine im Sommer eisfreie Arktis liegen. "Ein sehr spannendes Thema", findet von Bargen, stößt bei Reedern und Spediteuren damit aber noch auf taube Ohren. "Die haben einen Planungshorizont von drei bis vier Jahren und sehen keinen direkten Effekt für ihr praktisches Handeln."

Diese Diskrepanz zwischen Staat und Privatwirtschaft ist typisch. In einer Befragung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft erwarteten 80 Prozent der Kommunen schon im Jahr 2030 überwiegend negative Auswirkungen des Klimawandels, bei den Unternehmen nur 29 Prozent. Bereits 37 Prozent der Kommunen hatten konkrete Klimaanpassungsmaßnahmen beschlossen, bei den Unternehmen waren es erst 24 Prozent.

"Der Beratungsbedarf nimmt deutlich zu", hat Daniela Jacob festgestellt. Sie hat Remo entwickelt. Das Kürzel steht für das "regionale Klimamodell" des Max-Planck-Instituts für Meteorologie . Inzwischen leitet Jacob die Abteilung Klimasystem am Hamburger Climate Service Center (CSC). Die Bundesregierung hat es eingerichtet, um für guten Rat rund um die Klimaanpassung zu sorgen. Ein knappes Dutzend CSC-Mitarbeiter ist ständig kreuz und quer durch die Republik unterwegs.

Das Bundesamt für Straßenwesen will wissen, auf welche Regenmenge die Entwässerung einer neuen Autobahnbrücke ausgelegt werden muss, Wermelskirchen braucht Beratung für sein Energiekonzept, einen Stromnetzbetreiber interessiert, ob die maximale Eis- und Schneelast auf Hochspannungsmasten abnehmen wird und man deshalb am Stahl sparen kann. Die Verwaltung eines Naturschutzgebiets in Sachsen-Anhalt will klären, ob die seltenen Libellenarten, für die das Biotop eingerichtet wurde, dem Klimawandel zum Opfer fallen könnten.

Indirekte Auswirkungen drohen früher

Planer und Ingenieure wollen für die Beantwortung solcher Fragen möglichst exakte Zahlen, von den Klimaexperten bekommen sie jedoch Bandbreiten – kombiniert mit Angaben über die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich so kommt, Jacob spricht von "Robustheit". Rund 30 Klimamodelle werden am CSC dafür ausgewertet, jede Simulation liefert ein etwas anderes Ergebnis. Die jährliche Sonnenscheindauer wird um 2 bis 5 Prozent abnehmen, die Zahl der Frosttage um 10 bis 33 Prozent sinken, der Niederschlag wird um 3 bis 9 Prozent zunehmen – so lauten einige Ergebnisse in der Projektregion Bremen-Oldenburg für das Jahr 2050. Erst danach könnten Beschlüsse der Klimaverhandlungen wirken. Ob die Menschheit künftig mehr, genauso viel oder weniger Treibhausgas ausstößt, führt erst in der zweiten Jahrhunderthälfte zu größeren Unterschieden in den Ergebnissen der Klimamodelle für Deutschland.

Viel früher drohen indirekte Auswirkungen, die von den weit drastischeren Klimaveränderungen außerhalb unseres Landes ausgelöst werden könnten. Doch Klimaflüchtlinge, Ressourcenkriege und Weltwirtschaftskrisen sind in den regionalen Anpassungsüberlegungen bisher kein Thema. Auch im knapp 100-seitigen Aktionsplan Anpassung , den die Bundesregierung Ende August beschlossen hat, kommen sie nicht vor.

Stattdessen haben sich die Berliner Beamten Gedanken über den besten Umgang mit der Unschärfe gemacht, die alle Voraussagen über das künftige Klima auszeichnet. Handeln unter Unsicherheiten heißt die entsprechende Kapitelüberschrift. Darin schlägt die Bundesregierung vor, den Schwerpunkt auf Aktivitäten zu legen, die auch dann einen Nutzen bringen, wenn die befürchteten Klimaänderungen gar nicht eintreten. Möglichst "flexibel, modifizierbar oder reversibel" sollten sie sein.

Der Hafenmanager Uwe von Bargen hat praktische Erfahrung damit. Ein Sturmflutsperrwerk, das die ökologischen Ausgleichsflächen des vergrößerten Bremerhavener Containerterminals in einem benachbarten Naturschutzgebiet schützt, wurde gleich so konstruiert, dass es in 50 oder 100 Jahren problemlos um einen halben Meter aufgestockt werden kann. Das hat nicht viel gekostet, spart im Fall der Fälle aber Unsummen für einen Neubau. So etwas nennen Fachleute eine "No-regret-Maßnahme": spätes Bereuen ausgeschlossen.