Filmaufnahmen von möglichen Unterstützern der Mordbande, die vernichtet wurden? Ein Innenministerium, das Neonazi-Sympathisanten innerhalb der Ermittlungsbehörden vermutet? Eine Fahndungsanfrage des Staatssekretärs an den Verfassungsschutz? Was war damals los in Thüringen? Haben die Ministeriellen ihren eigenen Polizisten nicht mehr getraut?

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtete am vergangenen Wochenende, Zielfahnder des Landeskriminalamts hätten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. zwischen 1998 und 1999 in Chemnitz aufgespürt. Die geplante Festnahme durch ein Sondereinsatzkommando habe das LKA aber in letzter Minute abgebrochen . Laut MDR beschwerten sich die damals beteiligten Beamten wegen des abgeblasenen Einsatzes bei der Amtsleitung. Daraufhin soll es ein Gespräch zwischen hohen Vertretern des Thüringer Innenministeriums und den betroffenen Polizisten gegeben haben. Was bei diesem Gespräch herauskam, ist nicht bekannt. Das LKA dementiert den MDR-Bericht; die Zielfahnder hätten damals nicht gewusst, wo sich das Trio aufgehalten habe.

Helmut Roewer sieht die Zusammenhänge in der Rückschau so:

"Nach meinem Eindruck gab es eine kleine Clique von Leuten, die sich nicht abfinden mochten mit dem Wahlergebnis vom Herbst 1994, wodurch die SPD mit an die Regierung kam und den Justiz- und den Innenminister stellte. Diese, nennen wir sie mal höflich Parteirebellen, versuchten, Polizeidaten zu missbrauchen, um den Innenminister und wohl auch die Koalition zu beschädigen. Dies war weder legal noch legitim, zeigt aber eine bestimmte Haltung, nämlich den Staat gegen die Regeln der Demokratie als Beute zu betrachten."

Peter Krämer, der Staatssekretär, der dem Verfassungsschutz die Anweisung gegeben haben soll, undichte Stellen innerhalb der Polizei zu überprüfen, lässt sich zu alldem nicht mehr befragen. Er starb im Juni 1997 im Alter von 52 Jahren, an Herzversagen. Der damalige Innenminister selbst, Richards Dewes (SPD), will sich nicht öffentlich äußern. Er wolle seine Aussagen erst vor den zuständigen Untersuchungsgremien machen, sagt er auf ZEIT-Anfrage.

Was ist das nun alles? Ein PR-Manöver eines Ex-Geheimdienstchefs, um von seinem eigenen Versagen abzulenken? Oder die eigentliche Fährte in einen Sumpf, den die Kontrolleure von Parlament, Staatsanwaltschaft und Ministerien schon vor Jahren hätten trockenlegen müssen?

Innenpolitiker in Thüringen wehren ab. Fast unisono beschreiben sie Roewer als unglaubwürdig, als einen, der seine Behörde "mehr als freihändig" führte. Der Innenexperte und SPD-Veteran Heiko Gentzel will zwar nicht ausschließen, dass der Verfassungsschutz damals um Hilfe bei den Ermittlungen gebeten worden sei. Hätte es aber tatsächlich Lecks bei der Polizei gegeben, mahnt er, hätte Roewer darüber sofort das Kontrollgremium des Parlamentes informieren müssen. "Solche Hinweise hat er uns nie gegeben, dazu gibt es keine Akten. Das wäre doch ein Skandal gewesen, wenn Polizisten gewaltbereite Neonazis unterstützt hätten. Wir wären dem sofort nachgegangen."

Im Moment, so Martina Renner, die innenpolitische Sprecherin der Linken, schiebe jeder jedem die Schuld zu, Verfassungsschutz, Landeskriminalamt und Justiz. "Herr Roewer sollte da sehr vorsichtig sein. Wenn es während seiner Amtszeit Neonazis bei der Polizei gegeben haben sollte, dann gab es sie erst recht beim Verfassungsschutz." Jedoch: Sollte das Trio tatsächlich von Zielfahndern aufgespürt und der Zugriff abgebrochen worden sein, müsse das LKA dies erklären.

Ist der Gedanke, einzelne Polizisten könnten mit Rechtsextremen sympathisieren, vermessen? Oder ist er nicht im Gegenteil naheliegend? Der "Thüringen-Monitor" der Uni Jena über die politische Kultur im Freistaat, zeigt eine hohe Zustimmung zu rechtsradikalen Parolen. Der Aussage "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet" stimmten zwischen 2001 und 2010 durchschnittlich 53 Prozent der Thüringer zu. Die These "Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform", unterschreiben 17 Prozent. Wenn die Polizei ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, kann sie von solchen Einstellungen nicht ganz frei sein. Der Polizistenjob lockt mit Werten, die auch Neonazis angeblich verteidigen: Ehre, Anstand, Pflicht, Kameradschaft. Hinzu kommen Unterlegenheitsgefühle, glaubt Rainer Erb, ein Soziologe, der an Polizeischulen unterrichtet und das Thüringer Innenministerium im Kampf gegen Neonazis beraten hat. "In den neuen Bundesländern wurde nach der Wende viel altes Personal übernommen, und an die Spitze wurden Karrierebeamte aus dem Westen geholt. Ehemalige Volkspolizisten sind nicht so sattelfest in der Demokratie."

Jürgen Hoffmann, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft von Thüringen, will nicht ausschließen, dass es unter seinen Kollegen sehr vereinzelt Neonazis gebe. "Aber wir kennen die Polizisten im Land, das sind gute Jungs und keine Rechtsradikalen." Mit Sicherheit gebe es in der Thüringer Polizei keine breite rechte Gesinnung. Allerdings können auch vereinzelte schwarze Schafe beträchtlichen Schaden anrichten; sie müssen nur an den richtigen Stellen sitzen und die falschen Leute kennen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Thüringen, Anja Siegesmund, glaubt nicht nur, dass das Trio viele Hintermänner hatte, sondern auch, dass sie gewarnt wurden und deswegen abtauchten. "Von wem, ist aber völlig offen", sagt Siegesmund. "Wir stehen am Anfang der Aufarbeitung."

Um sie voranzutreiben, fordern jetzt viele andere von der ZEIT befragte Landespolitiker den Ex-Verfassungsschützer Roewer auf, für Klarheit zu sorgen. "Wenn Roewer es kann, soll er endlich die Namen nennen und keine Gerüchte streuen", sagt Polizeigewerkschafter Hoffmann.

Helmut Roewer beteuert, genau das tun zu wollen. Allerdings nicht in der Zeitung, sondern vor der Untersuchungskommission des Thüringer Innenministeriums. Minister Jörg Geibert sagt, er "freue" sich, wenn Roewer seine Kenntnisse dem Gremium mitteilen wolle. Roewer sagt, bis jetzt habe er keine Einladung aus Erfurt bekommen.

Mitarbeit: Hauke Friederichs