Für Mahmud Salem war die Zeit im Februar auf dem Tahrir und im virtuellen Raum definitiv leichter. Als "Sandmonkey" wurde er mit seinen sarkastischen, treffenden Blogeinträgen und Twitter-Meldungen im Netz berühmt. Auf der Straße erkennen ihn nur wenige. Mit einer dicken Erkältung schleppt sich der groß gewachsene Mann durch den Wahlkampf. Die Frage nach Hamzawy nervt ihn: "Der kommt anders als ich nicht aus diesem Wahlkreis, kennt das Viertel nicht, will hier aber mit seiner Fernsehbekanntheit abräumen." Es ist nicht Salems Tag.

Beim Besuch eines Wahllokals erfährt er, dass er in mehreren anderen Stationen nicht auf der Liste steht. "Betrug!", ruft er. "Ich lasse das die Anwälte prüfen und die Wahlzettel für ungültig erklären." Hektische Telefonate. Nicht zum ersten Mal spielt die Wirklichkeit dem Netzaktivisten übel mit. Vor Kurzem wurde er von bewaffneten Schlägern eingekesselt. Seine Wachleute schoben ihn in den Wagen, er entkam. Über Twitter und auf Facebook gingen Tausende von Sympathiebekundungen ein. Salem ist eine Galionsfigur der Revolution. Dass das für die Wahl reicht, bezweifelt sein liberaler Konkurrent.

Rhythmisches Klatschen, Hamzawy-Rufe, Trillergesänge: Wo Amr Hamzawy auftaucht, jubeln die Wähler, vor allem die Wählerinnen. Der ehemalige Berliner FU-Dozent und Nahostexperte des Carnegie Endowment Washington ist in Jeans, weißem Hemd und blauem Blazer gekommen, trägt dunkle Locken bis aufs Revers. Alle recken die Hälse. "Dr. Amr" nennen die Wähler ihn, er geht auf sie zu, hat für jeden ein Lächeln und ein paar Worte übrig, gewinnt bei dem Rest allein durch Anwesenheit. Warum teilen er und Mahmud Salem ihre Stärken nicht auf verschiedene Wahlkreise auf? Hamzawy gibt dem schlechten Management der Partei Freie Ägypter von Salem die Schuld. "Es liegt kein tieferer Sinn darin, dass wir gegeneinander antreten." Hamzawys Partei heißt Freies Ägypten. Der eigentliche Gegner für ihn ist nicht Salem, dem er wenig Chancen gibt, es sind die Religiösen.

Beim Besuch des Wahllokals der Taha-Hussein-Schule greift ein langbärtiger Mann im traditionellen Gewand Hamzawy an. Poltert, schreit, wütet: Hamzawy "soll hier bloß nicht die Wahl beeinflussen". Die Polizei lässt den Mann gewähren. Hamzawy geht und revanchiert sich am nächsten Wahllokal. Dort hat die Muslimbrüderpartei für Freiheit und Gerechtigkeit einen Stand genau gegenüber der Schule aufgestellt, mit Laptops und Flugblättern. Hamzawy beschwert sich bei den Wachsoldaten über die verbotene Werbung am Wahltag. Mit verkniffenen Gesichtern klappen die Muslimbrüder ihre Laptops zu. Hamzawy zieht weiter zu den Menschen vorm Schultor. Was wird er machen, wenn er gewählt wird?

Amr Hamzawys Antwort gleicht der von Mahmud Salem und Gamila Ismail: "Verfassung, Verfassung, Verfassung!" Welche Rolle für die Religion, welche fürs säkulare Recht? Daran wird Ägyptens neues Parlament arbeiten. Das wissen die liberalen Kandidaten, das wissen ihre Wähler. Auch deshalb standen so viele Frauen ohne Kopftuch zum ersten Mal in ihrem Leben in einer langen Schlange.