Dass man in diesen Tagen auf Fuerteventura ziemlich speziellen Menschen begegnen wird, ist spätestens klar, als mittags am Himmel das elf-flammige Wappen der Stadt Köln auftaucht. Das wehende Banner hängt an einem Windvogel, dessen Leine am Strand von einem kompakten, sonnengeröteten Mann gehalten wird. Mit Blick auf seinen Drachen ruft Lothar: "Seit genau elf Uhr elf hab ich ihn oben!" Wir schreiben den 11. November.

Daheim feiern sie zu dieser Stunde auf den Straßen gerade bei Minusgraden den Beginn des Karnevals. Aber Lothar geht es bei milden 25 Grad im Schatten allenfalls am Rande darum, die närrische Saison auch fern der Heimat minutengenau einzuläuten. Die lange Anreise, mehr als 3.000 Kilometer, hat er aus einem anderen Grund auf sich genommen: um an diesem herrlichen Stück Atlantikküste im Norden der Kanareninsel Drachen steigen zu lassen.

Eine Hundertschaft von Sportsfreunden tut es ihm gleich. Über den weiten Dünen von El Jable, zu Deutsch schlicht "der Sand", schwebt eine leuchtende Fauna aus Spinnakernylon am Himmel: allerlei Tiere, Zwerge, Teletubbies. Dazu fantastische farbige Dinger in merkwürdigen Formen: Räder, Würfel, Sterne, Matratzenartiges. Windvogelfreunde aus ganz Europa sind an diesem Strand zusammengekommen, um vier Tage lang das jährliche Festival Internacional de Cometas, das Internationale Drachenfest, zu feiern.

Im Windschatten der Dünen, unter dem Schutz von Strandmuscheln und Sonnencreme hat unterdessen das Bodenpersonal die Badetücher ausgebreitet. "El Jable ist einmalig", sagt Lothars Ehefrau Martina, "wegen der Sonne im Winter, klar. Aber vor allem gibt es hier unheimlich viel Platz. Wenn man in Deutschland auf ein Drachenfest geht, sind die Jungens immer total hektisch. Sie wollen alles zeigen, was sie in der Tasche haben, und dann wird es eng. Hier kommt keiner dem anderen in die Quere. Alles ganz entspannt." Könnte fast Urlaub sein.

Lothar ist dennoch gerade etwas im Stress. Sein deutscher Meistertitel im Drachenbau liegt zwar schon ein paar Jahre zurück, aber als Vereinschef der Drachenfreunde Köln hat er immer noch einen Ruf zu verteidigen. Mit besorgtem Stolz sieht er zu seinem Merlin hinüber. Der in Blau und Lila gehaltene Flachdrachen in Gestalt des Sagenzauberers neigt gerade dazu, sich in den Sand zu legen.

An Tag zwei des Festivals spielt das Wetter nicht mit, jedenfalls nicht so, wie man es hier eigentlich erwarten darf. Am Himmel über den Drachen hängt eine fluffige Wolkendecke, und der sonst so stete Passatwind bläst launisch, mit schwankender Intensität. Die Drachenfreunde müssen unablässig an den Leinen zupfen, um ihren Vögeln wieder aufzuhelfen. "Der Merlin ist sowieso sensibel", sagt Lothar. "Er ist asymmetrisch. Ob er fliegt, weißt du trotz langer Abende an der Nähmaschine erst, wenn er an der Schnur hängt." Gut 120 Selbstgebaute nennt er sein Eigen. Für den schönsten von ihnen, sagt Martina, habe er 750 Stunden gebraucht: "949 Pailletten, alle mit der Hand angenäht."

Das Kölner Paar ist zum 13. Mal auf Fuerteventura dabei. Wie immer bleiben sie 14 Tage. In jüngeren Jahren war Lothar Windsurfer. "Geht aber erst ab dreieinhalb Windstärken", sagt er, "und was machst du bis dahin?" Die Antwort auf drohende Urlaubslangeweile hieß irgendwann Drachenbauen. "Anfangs sind wir auch noch über die Insel geknattert", sagt Lothar, "aber man kennt alles schnell, und viel ist da ja auch nicht zu sehen."