Fuerteventura, das ist für den Durchschnittsreisenden vor allem Sonne, Strand und Meer. Ein Pauschalurlaubsziel, um Kälte und Nebel daheim für ein, zwei Wochen zu entkommen. Mitten im Naturschutzgebiet El Jable dienen diesem Wunsch zwei vielstöckige Hotelburgen der RIU-Gruppe, in denen sich in der Wintersaison vorzugsweise deutsche Paare fortgeschrittenen Alters Buffet- und Wellnessfreuden hingeben.

Dass die Insel landschaftlich mehr zu bieten hat, hätten die Drachenpiloten schon am ersten Tag des Festivals sehen können. Zum »Anfliegen« trifft sich der harte Kern der Windvogelfreunde bei den Caletillas, einer Folge intimer kleiner Buchten nahe dem ruhigen Fischerort El Cotillo, 20 Kilometer von El Jable entfernt. Der Weg dorthin führt durchs Malpais, »schlechte Land«, über Ebenen aus Geröll und Asche, die sich Braun in Braun erstrecken, in endlosen Schattierungen beruhigender Umbra- und Ockertöne. Eine gelegentlich von brüchigen Wolkenschleiern gemilderte Sonne legt mal leuchtendes, mal verwaschenes Himmelsblau darüber, treibt Lichtspiele mit dieser Topografie des Minimalismus.

Die Drachenfreaks haben, wie stets, die Augen in der Luft. Am »Anfliegetag« sind die Experten unter sich. Was da am Himmel hängt, sind für sie nicht irgendwelche bunten Dinger, sondern Fluggeräte in klassischen Formen, die mit fachlich korrekten Namen anzusprechen sind: Parafolien, Kästen, Schlitten und Eddies, Turbinen, Flachdrachen, Lifter und Stunter.

Der Blaue, der weit über allen anderen in den Höhenwinden segelt, ist doch wohl ein Rolloplan? Dick, der Mann an der Schnur, schüttelt den kahlen Kopf. »Um Gottes Willen, nein«, sagt er mit leicht bärbeißigem Ton, »das ist ein Roller. Eine Weiterentwicklung des alten deutschen Rolloplans, der ja außerdem aus Segeltuch gebaut war. Und das Verhältnis von Hauptsegel zu Schwanzsegel ist anders.« Ach so.

Dick ist Brite, aus Norfolk, pensionierter Kriminalpolizist. »Früher habe ich Verbrecher gefangen«, sagt er, »heute lasse ich Drachen fliegen. Ich muss sagen – beides macht Spaß.« Tiefengebräunt und tätowiert präsentiert er einen Respekt gebietenden Körper, muskulös auch um die Leibesmitte. Die Caletillas schätzt er besonders, weil er hier auch mal die Badehose fallen lassen kann.

Die Drachenfliegerei entdeckte Dick für sich, als er deutsche Touristen bei ihrem Spiel beobachtete. Und deutsche Touristen waren es auch, die das Festival ins Rollen brachten. Jedes Jahr kam ein Kreis von Freunden im November des Hobbys wegen hier zusammen. Irgendwann wurde eine Bürgermeisterin der Insel darauf aufmerksam und hielt die Sache für tourismusförderlich. Man tat sich mit einem kleinen Drachenladen in Corralejo zusammen, gab Sponsorengeld und einen Namen dazu, und fertig war das Festival de Cometas.

Am zweiten Tag in El Jable ist Dick natürlich auch dabei. Die Badehose hat er heute anbehalten – der vielen Schulkinder wegen, die mit Bussen aus der nahen Inselhauptstadt Puerto del Rosario zum Fest gekommen sind. Der Wind macht auch ihnen zu schaffen. Die kleinen Schlittendrachen, die man den Kindern gratis gegeben hat, brechen schon nach wenigen Metern Flug in sich zusammen. Am ehesten kommen bei dem unberechenbaren Gebläse noch die Steuerdrachen zurecht. Aber die sind etwas für Könner.