Es ist eine alte Geschichte. Älteres Ehepaar: graues Haar, Landhaus, Stadtwohnung, tadellose Manieren, Bibliothek, Seidennachtwäsche, Baselitz überm Ledersofa. Und eine junge Krankenschwester: slawischer Akzent, türkischer, gewalttätiger Ehemann, Tattoo, Mietshauswohnung mit Balkon. Zwei Welten, die sich, wenn überhaupt, nur unter der Bettdecke begegnen. So auch hier: Der distinguierte Ehemann, gespielt von Josef Bierbichler , und die junge, schöne Krankenschwester (Angela Gregovic) lieben sich, während die alte, kranke Ehefrau Martha (Erika Deutlinger) im Sterben liegt, im Landhaus auf dem Ledersofa, unter dem Baselitz. Ein gehobenes Mittelstandsdrama nimmt seinen Lauf mit allerhand Sex, Geld und Pistolen. Am Ende liegen die Beteiligten mehrheitlich in den Kühlfächern der Wiener Leichenhalle, und selbst der Baselitz kommt nicht heil davon. Das alles ist unerheblich. Um nicht zu sagen, das Drehbuch ist von der Stange. Und dennoch ist der Thriller Brand unter der Regie des österreichischen Filmemachers Thomas Roth ein ganz passabler Film geworden.

Großen Anteil daran hat Josef Bierbichler mit seinem Verweigerungsschauspiel. In der Rolle des berühmten österreichischen Schriftstellers Brand ähnelt er mehr einem verstockten Ackermann aus Kärnten als einem Krimi-Helden. Alle um ihn herum – die Gattin, der Verleger, der betrogene Krankenschwester-Ehemann, der Kommissar (Heribert Sasse) – schauspielern, was sie können oder auch nicht können. Rollen die Augen, senken die Stimme, drücken die Brust heraus, federn im Schritt, strecken das Kinn vor, posieren und brillieren. Josef Bierbichler lässt das vorbeigehen wie den Wind, nach dem man nicht haschen sollte.

Man könnte sogar sagen, Josef Bierbichler schauspielert überhaupt nicht. Er ist einfach nur da. Er sagt auch manchmal was. Auch was Größeres. Sätze wie: Liebe ist immer katastrophal. Oder: Hast du Geld? Oder: Das wird schon wieder. Und er sagt es so, als sage er eigentlich nichts weiter. Als gäbe es grundsätzlich nichts weiter zu sagen. Auch wenn es da draußen im Drehbuch gerade noch so bunt zugeht – die junge Krankenschwester sich nackt auf dem Sofa rekelt, der betrogene Ehemann mit seinen Pistolen angibt, die sterbende Ehefrau endlich aus dem Krankenhaus wieder nach Hause möchte, obwohl doch da schon die Krankenschwester herumliegt –, Bierbichler verzieht keine Schauspielermiene. Er sieht immer aus, als wäre er gerade mal vors Haus getreten, um nachzusehen, ob am Nachmittag Regen kommt, weil ihn das mehr als alles andere interessiert.

Dieser Bierbichlersche Gleichmut überträgt sich auf geheimnisvolle Weise auf das ganze wild gewordene Mittelstandsgetue im Filmvordergrund. Und wie in einem Kippbild sieht man, inmitten des vor sich hin thrillernden Geschehens, traumwandlerische Stillleben. Das Krankenhaus als Unterwasseraquarium, das alle Töne verschluckt. Bierbichler, wie er nachts allein in den Wald röhrt. Die kahle Ehefrau als zerbrochene Bellmersche Kunstpuppe auf dem Totenbett.

Die Schauspielkunst des Nichtschauspielerns könnte leicht unterschätzt werden. Josef Bierbichler hat einmal gesagt, er belaste oder belege eine Figur nur mit sich selbst. Was er in sich nicht finde, könne er auch nicht spielen. Alles, was er spiele, sei also wahr und gerade nicht gespielt. Dieser höhere Dilettantismus vermeidet das Erborgte und angestrengt Gemimte, das die mittelständische Schauspielerei so öde macht.

Die letzte Szene zeigt den großen Nicht-Tragöden auf dem Totenbett. Nicht die Liebe, sondern ein Reh hat ihn zur Strecke gebracht, als er ihm auf einer Landstraße ausweichen wollte. Nun kann er nur noch mit einem Auge klimpern. Auch die Krankenschwester ist endlich ruhig. Der Film ist ganz bei seinem Hauptdarsteller angekommen.