Kolumbien: Ohne Abgase

Es war ein tollkühnes Projekt: Um die Jahrtausendwende entschied die Stadtregierung von Medellín , Seilbahnen zu bauen, bis hinauf in die Elendsviertel Santo Domingo und La Aurora an den Berghängen des Abburá-Tals. Die zweitgrößte Stadt Kolumbiens galt damals als der Welt gefährlichstes Pflaster. Der Drogenkrieg tobte. Noch 2009 übertraf die Mordrate von Medellín jene in amerikanischen Städten um das Zwanzigfache.

Und dann das: Die neue Metrocable vertrieb die Probleme – sozusagen Zug um Zug. Es verschwanden nicht nur die bewaffneten Drogensöldner. Es verschwanden auch Kleinbusse und Sammeltaxis, die sich zuvor in endlosen Kolonnen von den Bergen bis ins Tal gestaut und deren Abgase die Luft verpestet hatten.

Heute pendeln 30.000 Menschen täglich über neun Bahnhöfe in maximal fünfzehn Minuten ins Zentrum. Das Ticketsystem gewährt ihnen direkten Anschluss an die Metro der Stadt. Die Seilbahn als gleichsam menschen- wie klimafreundliches Nahverkehrsmittel: Bis zur Einführung der Metrocable war diese Idee weltweit ohne Beispiel.

"Wir wussten nicht, ob es gelingt", sagt Miguel Melo Ruales, Planungsdirektor der Metro Medellín, "aber wir hatten zu viele Minibusse auf den Straßen und in den Bahnen kaum noch Fahrgäste. Wir mussten etwas probieren."

Zu Hilfe kam den Seilbahnplanern das oft als wirkungslos gescholtene UN-Konzept zum Klimaschutz durch Emissionshandel: Durch jene 20.000 Tonnen CO₂, die das Seilbahnsystem pro Jahr nachweislich spart, kann Medellín Emissionszertifikate verkaufen – und das garantiert der Stadt die nötigen Einnahmen zum Betrieb und Ausbau auf künftig sechs Linien.

Doch die Geschichte vom Klimawandel in Medellín geht noch weiter – oben auf den Bergen, wo nun Bahnhöfe die Namen einst illegaler Siedlungen tragen: Santo Domingo, Vallejuelos, La Aurora.

"Solche planlos gewachsenen Orte haben plötzlich eine Mitte", schwärmt der städtische Sozialplaner Juan Álvaro González. Er führt über einen Markt rund um die Seilbahnstation und durch ein Internetcafé in ihrem Innern. Die Kriminalitätsrate sei – begünstigt durch Infrastruktur- und Sozialmaßnahmen – auf beinahe null gesunken. Vandalismus komme praktisch nicht vor. "Unsere verlässlichsten Sicherheitskräfte", sagt González, "sind unsere Fahrgäste."

Medellín wird derweil zum Vorbild. Auch in Panama City, Caracas und Rio de Janeiro sollen künftig Klimaschutzerlöse aus einer Seilbahn Teile der Stadtentwicklung finanzieren. Es ist eine bestechende Idee. Tollkühn ist sie längst nicht mehr. Patrick Benning