Autarke Dörfer

Himmelsberg war bislang für seine prächtige, 700 Jahre alte Sommerlinde bekannt. Neuerdings aber macht sich das hessische Örtchen auch als Solardorf einen Namen. Nomen est omen, schließlich sollen Strom und Wärme dort bald ausschließlich von oben kommen: aus Sonnenkraft.

Der Plan macht Himmelsberg zum Vorreiter – unter Vorreitern. Denn nicht nur das Dorf im Burgwald, sondern gleich der gesamte Landkreis Marburg-Biedenkopf mit seinen rund 250.000 Einwohnern hat sich vorgenommen, seine Energieversorgung zu 100 Prozent auf erneuerbare Quellen umzustellen. Schon bis zum Jahr 2040 soll das gelingen und damit deutlich schneller als im Bund. Mehr noch: Bis 2050 will man an der Lahn alle CO₂-Emissionen vollständig herunterfahren. Um das zu erreichen, werden die Menschen im Landkreis auch ihre Ernährungs- und Mobilitätsgewohnheiten ändern und anders wirtschaften müssen.

Ein ambitioniertes Vorhaben, doch seit der Atomkatastrophe in Fukushima , sagt CDU-Landrat Robert Fischbach, falle sein Werben für ökologisches Wirtschaften auf fruchtbareren Boden – auch in der eigenen Partei. In einer Koalition mit Grünen und freien Wählern treibt Fischbach den Klimaschutz schon seit 2007 "als Chefsache" voran.

Seither werden kreiseigene Gebäude gedämmt oder mit Holzpellets geheizt, die erste Schule ist energieautark. Eine "Dachbörse" im Internet hilft, die Besitzer geeigneter Flächen für Photovoltaik mit willigen Investoren zu verkuppeln, und jedes Jahr gibt es eine Energiemesse. Auch Windkraftanlagen – geplant sind derzeit rund 60 neue – stoßen inzwischen auf weniger Widerstand. "Man muss den Leuten Probleme und Nutzen nur nahebringen", sagt Fischer. "Das Zauberwort lautet: Kommunikation." Und die funktioniert auf kurzen Wegen und mit vertrauten Nachbarn direkter und nachhaltiger als allein mittels abstrakter Broschüren.

Auch deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass beim Klimaschutz kommunal mittlerweile mehr geht als auf nationaler Ebene. Mehr als 100 deutsche Kommunen und Regionen haben sich dem vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien verpflichtet. Laut dem Dezentralitätsnetzwerk deENet repräsentieren sie immerhin 18 Millionen Einwohner und 27 Prozent der deutschen Fläche. Fördergelder aus dem Emissionshandel helfen ihnen bei der Wende. Seit 2008 profitierten 831 Städte und Gemeinden mit ihren Klimaschutzplänen von diesen Zuschüssen. 19 von ihnen wurden jüngst ausgewählt, "Masterpläne" für ihre komplette CO₂-Freiheit zu entwickeln. Darunter sind Großstädte wie Hannover, Osnabrück und Frankfurt. Aber auch Marburg-Biedenkopf hat Aussichten auf rund 800.000 Euro aus der Staatskasse.

Der Landkreis ist eher ländlich geprägt, doch Industriebetriebe wie die Schokoladenfabrik Ferrero oder zwei Eisengießereien erschweren den Klimaschutz auch dort. Angestachelt von der energetischen Aufbruchstimmung, träfen sich die Fachleute aus Firmen mit hohem Stromverbrauch aber neuerdings regelmäßig am "Effizienz-Stammtisch" und dächten zum Beispiel über ein gemeinsames Strom-Shopping nach, erzählt Gerold Kreuter von der Industrie- und Handelskammer. Womöglich produziere ein Unternehmen ja auch Prozesswärme, die ihm ein anderes abnehmen könnte. Man laufe "sogar mal mit dem Wettbewerber durch den Betrieb, um beim Energiemanagement voneinander zu lernen", sagt der Verbandsvertreter. Allerdings, so Kreuter, seien die Pläne des Landkreises schon "sehr, sehr ambitioniert".

Doch Robert Fischbach ist optimistisch, dass sie umgesetzt werden, nicht nur, weil Bürger sich für den Klimaschutz erwärmen. Es gebe auch ökonomische Motive. Immerhin 500 Millionen Euro pro Jahr müsse der Kreis für Energiekäufe aufwenden, sagt der Landrat. "Und wenn wir die nun selbst erzeugen, bleibt diese Wertschöpfung in der Region." Christiane Grefe