Es ist nicht die erste Hungersnot, die Doktor Lul als Ärztin miterlebt, "aber die schlimmste, weil so wenige große Hilfsorganisationen vor Ort sind. Anfang der neunziger Jahre gab es anständige Zelte für die Flüchtlinge und viel mehr Helfer." Damals war die Stadt noch nicht völlig zerstört, Kamerateams aus dem Ausland fuhren durch die Straßen und berichteten über die Misere. Aber dann, sagt Doktor Lul, sei eben die Sache mit den Amerikanern passiert, "die abgeschossenen Helikopter".

Black Hawk Down. Ein Hollywood-Blockbuster über den Heroismus amerikanischer Soldaten beim Häuserkampf in Mogadischu. Das ist die westliche Erinnerung an jene Episode, als Somalia zum Schauplatz der ersten humanitären Militärintervention wurde. Jedenfalls der ersten, die live auf CNN lief. Vom Hafen aus kann man das Strandstück sehen, an dem am 9. Dezember 1992 44 schwer bewaffnete US-Elitesoldaten landeten, empfangen von Fernsehteams, die dort schon seit Tagen warteten.

Operation Restore Hope hieß das Unternehmen. Amerika hatte sich, was heute unvorstellbar wäre, an die Spitze einer UN-Mission gesetzt, um eine Hungerkatastrophe in Afrika zu stoppen, deren Bilder das westliche Fernsehpublikum entsetzten. Die Mauer war gefallen, die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, das Schlagwort von der "neuen Weltordnung" machte die Runde. Präsident George Bush senior suchte nach neuen "weichen" Missionen für das amerikanische Militär, UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali nach "robusten" Blauhelm-Missionen, bei denen UN-Soldaten Frieden notfalls mit Waffengewalt erzwingen sollten. Somalia schien als erster Einsatz strategisch perfekt geeignet und moralisch geboten: Eine Diktatur, plötzlich abgehängt vom Tropf Washingtons oder Moskaus, war kollabiert und in einen Bürgerkrieg mit Hungersnot abgerutscht. Milizen befrieden, Waffen einsammeln, Hilfslieferungen sichern, Menschen retten. Nichts einfacher als das.

Operation Restore Hope mündete – nach anfänglichen Erfolgen – in ein Desaster. Die humanitäre Mission artete in eine Jagd auf somalische Milizenführer aus, die Helfer in Uniform verwandelten sich in eine Okkupationsmacht. Operation Restore Hope endete im Oktober 1993 in der Schlacht von Mogadischu mit dem Abschuss zweier Black-Hawk-Helikopter, dem Tod von 18 amerikanischen Soldaten und Hunderter Somalier, darunter vielen Zivilisten. Die USA zogen ihre Soldaten bald darauf ab, die anderen Nationen folgten. Somalia blieb sich selbst überlassen und den Milizen.

"Da", sagt Mahdi und deutet auf ein rundes Loch von gut einem Meter Durchmesser, "da schlug die Rakete ein." Wir stehen im verwilderten Garten eines zweistöckigen Gebäudes. Die Außenmauern sind weggebombt, das Betondach mit dem Loch neigt sich wie aufgeweichte Pappe Richtung Boden. Einige Wochen vor der Schlacht um Mogadischu hatten US-Einheiten hier nach eigenen Angaben einen "sauberen chirurgischen Schlag" gegen feindliche somalische Milizen durchgeführt. In Wahrheit lagen unter den Trümmern die Leichen mehrerer Dutzend Clanältester begraben, die sich zu Beratungen über einen allumfassenden Waffenstillstand eingefunden hatten. Ein Angriff, der in Black Hawk Down nicht vorkommt. Aber für die Somalier war es ein Fanal, das verfeindete Clans einte im Kampf gegen die ausländischen Truppen. Nach Mahdis Ansicht fehlt noch etwas in der westlichen Erinnerung der Ereignisse. "Wusstest du", sagt er und senkt die Stimme, als würde er eine schier unerträgliche Anschuldigung erheben, "wusstest du, dass sich einige der Amerikaner während der Schlacht um Mogadischu in die Hose gemacht haben?"

Die USA sind längst wieder in Somalia präsent: Am Flughafen von Mogadischu betreibt die CIA ein Ausbildungslager für somalische Agenten. Und im Regierungsviertel, wo sich die Zentrale der National Security Agency befindet, des somalischen Geheimdienstes.

Das Wort Regierung klingt ein wenig hochtrabend, denn Somalia, das zu regierende Land, bleibt eine Illusion. Da ist im Nordwesten das de facto unabhängige, aber von niemandem anerkannte Somaliland, vormals britische Kolonie, das vom Bürgerkrieg verschont geblieben ist und eine halbwegs funktionierende staatliche Verwaltung aufgebaut hat. Da ist die halbautonome Region Puntland, Hochburg jener Clans, die das Geschäft mit der Piraterie kontrollieren. Und da ist "Restsomalia" mit der Hauptstadt Mogadischu, wo sich radikale Islamisten und die westlich unterstützte Übergangsregierung bekämpfen.

Gemessen an der Häufigkeit, mit der somalische Minister Attentätern zum Opfer fallen, müsste das Regierungsviertel aussehen wie eine Festung. Doch der Schlagbaum am Eingang wird ohne weitere Kontrolle unseres Autos geöffnet. Eine zaghafte Durchsuchung am Eingang zum Hauptquartier des Geheimdienstes, und wenige Minuten später sitzt man im eisig klimatisierten Empfangszimmer auf einer monumentalen Ledercouch Ahmed Hassan Fiqi gegenüber. Mit seiner Baseballmütze und dem etwas zu groß geratenen Jackett mangelt es dem Mann an der Aura bedrohlicher Allmacht, die Geheimdienstler in diesen Breitengraden gewöhnlich ausstrahlen wollen. Fiqi wirkt eher wie ein Besucher als wie der Chef einer Behörde, in deren Keller sich ein inoffizielles Gefängnis befindet.

"Die Sicherheitslage hat sich enorm verbessert", sagt der Geheimdienstchef von Restsomalia. "Vor ein paar Monaten wurde 200 Meter von hier noch täglich geschossen." Und die Anschläge? "Nun ja, die kommen vor", räumt er ein.

Zum Beispiel am 4. Oktober, als ein Attentäter von al-Shabaab einen Lkw vor dem Erziehungsministerium in die Luft jagte und über achtzig Zivilisten tötete. Seither gab es immer wieder Anschläge mit Autobomben, Handgranaten oder durch Al-Shabaab-Mitglieder, die sich in der Uniform von Regierungssoldaten vor den Stützpunkten der AU-Soldaten in die Luft sprengten.

Aber wahrscheinlich hat Fiqi recht: Nach Jahren des Krieges ist eine brüchige, hin und wieder von Explosionen zerrissene Ruhe für die Menschen in Mogadischu ein Fortschritt.

Das Gefängnis im Keller gehört zu dem von der CIA finanzierten Antiterrorismus-Programm in Somalia, nach amerikanischen Presseberichten nehmen CIA-Beamte an den Verhören teil. Unter den Häftlingen befinden sich offenbar auch somalische Emigranten aus Nachbarländern, vor allem Kenia, die dort nach ihrer Festnahme verschwunden sind. Extraordinary rendition heißt das im Jargon des war on terror. Das bedeutet nichts anderes als behördliches Verschleppen von Verdächtigen. Was in Europa und den USA inzwischen als Skandal gilt, ist am Horn von Afrika gängige Praxis.