Fünftens: Trotz Ihrer verständlichen Angst vor einer Inflation müssen Sie einsehen, dass die Gefahr des Kollapses derzeit die größere Bedrohung darstellt.

Wegen Ihrer Größe und Ihrer Geschichte haben Sie, sechstens, eine spezielle Verantwortung, Frieden und Demokratie in Europa zu schützen. Jürgen Habermas bemerkte richtig: "Wenn das europäische Projekt scheitert, dann ist die Frage, wie lange es dauert, bis es den Status quo wieder erreicht. Man denke an die deutsche Revolution von 1848: Nachdem sie scheiterte, brauchten wir 100 Jahre, um wieder das damalige Niveau an Demokratie zu erreichen."

Worin sehe ich als polnischen Außenminister heute die größte Bedrohung für Polens Sicherheit und Wohlstand? Es ist nicht der Terrorismus, es sind nicht die Taliban, und es sind ganz sicher nicht deutsche Panzer. Es sind noch nicht einmal russische Raketen, mit denen Präsident Medwedjew drohte, dass er sie an der Grenze zur EU aufstellen würde. Die größte Bedrohung für Polens Sicherheit und Wohlstand wäre der Zusammenbruch der Euro-Zone.

Ich verlange von Deutschland, dass es der Euro-Zone zum Überleben und Gedeihen verhilft. Sie wissen genau, dass kein anderer das kann. Ich bin vermutlich der erste polnische Außenminister der Geschichte, der so etwas sagt, aber so ist es: Ich fürchte die deutsche Macht weniger als die deutsche Untätigkeit. Sie sind Europas unverzichtbare Nation geworden. Sie dürfen bei der Führung nicht versagen. Nicht dominieren, sondern bei Reformen führen.

Unser Niedergang ist nicht unausweichlich. Wenn wir unsere jetzige Malaise überwinden, dann haben wir die nötigen Fähigkeiten und die Kraft, um die uns die Welt beneidet. Wir haben nicht nur die weltweit größte Wirtschaftsmacht, Europa steht wie keine andere Region dieser Welt für Frieden, Demokratie und Menschenrechte. Für unsere Nachbarn im Osten und Süden sind wir eine Inspiration. Wenn wir gemeinsam handeln, dann können wir eine wahre Supermacht werden. Als gleichberechtigter Partner der USA können wir die Macht, den Wohlstand und die Führungsrolle des Westens garantieren.

Aber wir stehen immer noch am Rande des Abgrunds. Das ist der beängstigendendsten Moment in meiner Amtszeit – und deswegen eine Herausforderung. Künftige Generationen werden uns danach bewerten, was wir tun oder unterlassen. Entweder legen wir die Basis für Jahrzehnte der Größe, oder wir nehmen unseren Niedergang hin. Als Pole und Europäer, hier in Berlin, sage ich: Jetzt ist die Zeit, zu handeln.