ZEITmagazin: Herr Ungerer, als Kind mussten Sie am Ende des Zweiten Weltkriegs einmal vor einem amerikanischen Tiefflieger fliehen. Das schreiben Sie in Ihrer Autobiografie "Die Gedanken sind frei".

Tomi Ungerer: Nein, da bin ich nicht geflohen. Da liegt man auf dem Boden! Vor der Gefahr darf man nie wegrennen.

ZEITmagazin: Die meisten Menschen reagieren auf Gefahr mit Angst. Sie nicht?

Ungerer: Ich habe festgestellt, dass in allen meinen Kinderbüchern die Kinder nie Angst haben. Als Kind im Krieg war ich umringt von Erwachsenen, die hatten viel mehr Angst als ich. Man muss die Angst als ein Abenteuer sehen. Als Kind fürchtete ich mich vor der Dunkelheit. Da nahm mich mein älterer Bruder an die Hand, und wir gingen eines Nachts, es war Vollmond, auf den Friedhof. Ich hatte mir ein weißes Betttuch übergeworfen, um den anderen Leuten Angst einzujagen – das war ein hervorragendes Rezept gegen die Angst.

ZEITmagazin: Man muss der Gefahr ins Auge schauen?

Ungerer: Als Junge war ich bei den Pfadfindern. Der Slogan lautete: Allzeit bereit! Das hat mich schon sehr geprägt. Ich habe als Jugendlicher den Krieg in Colmar erlebt. Da habe ich gelernt, dass man in jeder Minute sein Leben durch eine Bombe verlieren kann. Und unter den Nazis wusste man, dass man jede Minute verhaftet werden konnte. Da muss man sich wehren und eine schlaue Lebenstechnik entwickeln. Ich habe dafür meine eigene Philosophie erfunden: Don’t hope, cope! Nicht hoffen, sondern die Situation selbst in die Hand nehmen. Für mich ist alles Herausforderung. Als ich an Krebs erkrankt war, habe ich gesagt: Tumor mit Humor. Humor ist eine wichtige Technik, mit dem Leben umzugehen. Wissen Sie, wie langweilig das Leben wäre ohne Unfälle, ohne Krankheiten, ohne Herausforderungen und ohne Tod? Mein Gott!

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ZEITmagazin: Gab es je eine Situation, in der Sie auf Rettung angewiesen waren?

Ungerer: Man muss sich täglich selbst retten und sollte nicht auf andere warten. In den fünfziger Jahren bin ich auf einer Wanderung in Island fast im Sumpf versunken. Da ging es nur um eines: Ich durfte bei keinem Schritt meine Stiefel im Sumpf verlieren, der mächtig an ihnen sog. Also musste ich meine Zehen in die Stiefel krallen. Das war die Rettung. Man muss die Rettung in sich selbst finden und ansonsten seinem Instinkt vertrauen.

ZEITmagazin: Aber der Instinkt kann einen auch mal in die falsche Richtung führen.

Ungerer: Das schon, man kann jedoch lernen, mit seinem Instinkt richtig umzugehen. Wir haben alle Dämonen in uns, sind alle Jekyll und Hyde. Aber die Dämonen sind produktiv. Glauben Sie, ich hätte meine Bücher geschrieben ohne Dämonen? Die Dämonen müssen nur gezähmt werden.