Österreich, notierte Peter Handke einmal voll beiläufiger Verachtung, sei das Fette, an dem er würge. Das war vor gut drei Jahrzehnten, und es waren vergleichsweise magere Zeiten. Heute, wohlgenährt, würgt das Land längst nicht mehr an seiner Rückständigkeit, an seinem Heißhunger, seinem Nachholbedarf. Der Triple-A-Republik ist vielmehr ein Begriff im Hals stecken geblieben, den sie nicht zu verdauen vermag: die Unschuldsvermutung. Seit Jahren ist das Wort nicht mehr wegzudenken, es beherrscht die Tagesnachrichten ebenso wie die Sprechbühnen. Den Kleinkünstlern garantiert es todsichere Lacher. Es ist die Ö-Norm, die bei jeder Landvermessung der jüngeren Vergangenheit anzuwenden ist.

Gleich fünf gewesene Minister stehen gegenwärtig mitsamt ihrer Entourage aus Mitessern und Absahnern unter Korruptionsverdacht, ihr Netz finanzieller Transaktionen, durch das viele Millionen abgezweigter Euro geflossen sind, umspannt die halbe Welt. Kein Staatsanwalt kann da mehr mit. Aber er muss Unschuld vermuten, was natürlich zu der klassischen Konstellation einer Verwechslungskomödie führt, da doch jedermann davon überzeugt ist, zwei Gesetzgebungsperioden lang von einer Bande von Gaunern an der Nase herumgeführt worden zu sein. Diese Absurdität der Skandalrepublik kommt Elfriede Jelinek gerade recht, die nun den tagesaktuellen Possen die höheren Weihen erteilte. Am Wiener Akademietheater, der kleinen Schwester des Burgtheaters, wählte sie für diesen Ritterschlag den Rahmen der viktorianischen Salonkomödie Der ideale Ehemann, in der Oscar Wilde mit elegantem Sarkasmus das Machtkartell der britischen Oberschicht seziert. In der sehr freien Bearbeitung von Elfriede Jelinek heißt das Maskenspiel nun Der ideale Mann, und – das ist die entscheidende Metamorphose – das turbulente Gemisch aus Erpressung, Bestechung und Triebabfuhr findet jetzt nicht mehr in der knisternden Intimität der Salons statt, also im Hinterzimmer der Moral, sondern im Vestibül eines altehrwürdigen Gemäuers, in dem amoralische Parvenus aus der Provinz vulgär und dreist eine Staatsklamotte zur Aufführung bringen.

Die Unschuldsvermutung kennt Elfriede Jelinek selbstverständlich nicht. Sie schwingt die Kalauerkeule, die jeden doppelzüngigen Hintersinn zur wütenden Denunziation breit klopft, da sie weiß, dass die feine Klinge eine stumpfe Waffe ist gegen die Hallodris in ihrer Heimat. Das sind ja alles Knallchargen, die niemals in die Rolle eines nichtsnutzigen britischen Lords schlüpfen könnten. Nicht einmal im Desillusionstheater Jelineks, einer glitzernden Kristallwelt in historistischer Kulissenarchitektur. Es ist aber die ideale Bühne für den Titelhelden, in dessen Gestalt der grandiose Schauspieler Michel Maertens, stets die rot-weiß-rote Staatsschärpe um die Brust geschlungen, die österreichische Skandalkultur vorführt, jenen Karl-Heinz Grasser, den Schönling aus dem Finanzministerium, an dem das ganze Land würgt wie seinerzeit Handke am Fettkloß der Nachholjahre. Die österreichische Absurdität hingegen will es, dass just zum Zeitpunkt der Jelinek-Premiere der reale Ex-Minister Grasser die Bühne einer Boulevardzeitung erklomm und in einer ganzen Interviewserie ein grandioses Solo als verfolgte Unschuld hinlegte. Mit dieser Klamotte konnten selbst Elfriede Jelinek und Michael Maertens nicht mithalten.