An diesem Freitag geht es in Brüssel um unser Geld, um unsere Souveränität, um unser Gewicht in der Welt. Es geht, in einem Wort, um die Zukunft Europas. Man spürt es, wie der ganze Kontinent auf den Befreiungsschlag wartet. Es muss etwas geschehen. Jetzt. Alle wissen es.

In dieser Krise, so sagte es die Bundeskanzlerin vor dem Deutschen Bundestag, habe die Politik nahezu "jedes Vertrauen verspielt, verwirkt und fast zerstört". Für Angela Merkel, die es gern eine Nummer kleiner hat, ist dies ein erstaunliches Wort. Auch sie erklärt damit das Brüsseler Gipfeltreffen zum europäischen Schicksalstag. Die Drohung der Rating-Agentur Standard & Poor’s, die Kreditwürdigkeit der ganzen Euro-Zone herabzusetzen und Deutschland die Bestnote "Triple A" zu nehmen, braucht es dazu nicht.

Manches von dem, was kommen wird, ist seit diesem Montag bekannt, als sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy in Paris trafen. Jedes Euro-Land wird künftig, wenn es die festgelegten Verschuldungsgrenzen überschreitet, automatisch mit Sanktionen belegt. Wer seinen Staatshaushalt nicht in Ordnung bringt, der kann vor Gericht gestellt werden. Der Europäische Gerichtshof soll darüber wachen, ob dies geschieht.

Die Kanzlerin macht sich gern klein: Mehr Uckermark als Bismarck

Eine solche "Fiskalunion" wäre für Europa ein großer Schritt voran. Der Widerspruch zwischen Währungsunion und fehlender politischer Union wäre zum Teil aufgelöst. Die europäischen Verträge müssten dafür geändert werden, und das dürfte kein leichtes Unterfangen sein. Denn klar ist: Die Nationalstaaten müssen ein wenig von ihrer Macht abgeben.

Souveränitätsverzicht!, schreien deshalb die Nationalkonservativen. Das Haushaltsrecht für Europa opfern oder auch nur einschränken lassen? Undenkbar! In Wahrheit geht es um Souveränitätsgewinn durch Souveränitätsübertragung. Nicolas Sarkozy hat das begriffen. Nur in einem handlungsfähigen Europa bleibe Frankreich wirklich souverän, sagte er dieser Tage in einer großen Rede in Toulon.

Natürlich kann ein starkes Land wie Deutschland, das in Europa eine Großmacht ist, leichter auf Souveränität verzichten als ein kleines Land; der Große wird sich schon zu behaupten wissen. Deshalb steht er schnell unter Verdacht, herrschen zu wollen, wo er nur (auch sich selber!) helfen will. Die "urdeutschen Tugenden" (Neue Zürcher Zeitung) der Sparsamkeit und Fiskaldisziplin kommen nicht überall gut an. Vom "deutschen Diktat" ist die Rede.

Natürlich ist das Unfug. Das eigentliche Problem sind überzogene Erwartungen. Niemand hat sie klarer formuliert als Polens Außenminister Radosław Sikorski, der vorige Woche in Berlin erklärte: "Ich verlange von Deutschland, dass es der Euro-Zone zum Überleben und Gedeihen verhilft." Sikorski sagt von sich, er sei wohl der erste polnische Außenminister, der deutsche Macht weniger fürchte als deutsche Untätigkeit. "Sie sind Europas unverzichtbare Nation geworden", rief er den Deutschen zu.