Bundesratswahlen. Viele Leserinnen und Leser werden bei diesem Wort erschreckt weiterblättern. Und in der Tat, Medien und Politiker haben es in den letzten Monaten mit Mutmaßungen, Unterstellungen und Gerüchten, mit der Personalisierung der Politik, wahrlich übertrieben. Unrühmlicher Tiefpunkt war die als Gameshow gestaltete, infantile Arena-Sendung des Schweizer Fernsehens mit den Bundesratskandidaten von SP und SVP. Man parlierte über Krawatten oder Lieblingssongs – und am Ende durfte jeder Kandidat sein Lieblings-Spielzeugtier auswählen. Die Diskussion über relevante Themen wie die Reform des Sozialstaats, die Zukunft der Schweiz in Europa oder den starken Franken geriet zum Beiwerk.

Aber eine Bundesratswahl ist kein Spiel.

Es ist wichtig, wie der Bundesrat am nächsten Mittwoch vom Parlament bestellt wird – auch wenn man die Bedeutung der Regierung in der Schweiz nicht überschätzen sollte. Sie ist dem Parlament und dem Volke untertan, ihre Schwäche, die oft moniert wird, ist gewollt.

Aber der Bundesrat kann Themen befeuern und andere vernachlässigen, wie die unter dem Eindruck von Fukushima eingeleitete Energiewende beweist. Er kann also Politik gestalten, er hat Einfluss, er kann bewegen. Und er ist auch in seiner Symbolwirkung nicht zu unterschätzen. Wie ein Bundesrat zum Volk spricht, das zeitigt Wirkung – in die eine oder andere Richtung der Stimmungsskala. Vor allem in diesen Zeiten der Bedrängnis hängt von den Regierenden viel ab. Das Land inmitten Europas wird Wohlstandsverluste verkraften müssen, das wissen alle – nur sagen tun es die wenigsten. Deshalb sollten die Bundesräte ihr Amt nutzen, um die Politik und ihre konkreten Folgen den Regierten zu erklären. Nach nichts dürstet es die Bürgerinnen und Bürger so wie nach reinem Wein. Die Ära, in der man sich frohen Mutes in die Tasche lügen konnte, ist vorbei.

Ja, wir leben in einer Misstrauensgesellschaft, ein Zustand, den sich Politik und Wirtschaft selbst eingebrockt haben. Es ist ihre Pflicht, aus dem Tal der Skepsis wieder herauszufinden. Sonst ist den Populisten, die oft die richtigen Fragen stellen und immer nichtsnutzige Antworten geben, der Weg bereitet. Deshalb braucht die Schweiz einen guten Bundesrat, einen, der deutlich zu uns spricht. Die Bevölkerung erträgt mehr Wahrheit, als die Regierenden glauben wollen. Es kann nicht sein, dass man den Menschen die drohenden schlechten Nachrichten nur nuschelnd und in Nebensätzen beibringt.

Und die Bürgerinnen und Bürger haben in den Nationalrats- und Ständeratswahlen gezeigt, dass sie eine andere politische Schweiz wollen. Es ist eine Schweiz, die zusammenrücken soll, um die anstehenden großen Fragen gemeinsam anzugehen. Was soll die Schweiz in Europa? Ist sie noch ein Einwanderungsland? Wie lange kann es das Land ertragen, dass die Reichen – wie neuste Erhebungen zeigen – immer reicher werden?

Deshalb lässt das Wahlergebnis nur eine Konsequenz zu: Alle relevanten Kräfte müssen in der Regierung vertreten sein. Es gibt da nicht viel zu spekulieren, zu deuteln, zu spielen, die Sache ist klar. Die Wähleranteile müssen berücksichtigt werden, die Gewinne wie die Verluste. Der Bundesrat müsste, wenn denn alle guten Willens wären, nach dem Morgen des 14. Dezember so aussehen: zwei SVP-Vertreter, zwei SP-Vertreter, ein CVP-Vertreter, ein FDP-Vertreter und Eveline Widmer-Schlumpf. Letztere ist als Vertreterin der Splitterpartei BDP ein Spezialfall, aber sie hat sich als Pragmatikerin bewährt und verkörpert die neuen Kräfte im Parlament. Ihrem Durchhaltewillen haben wir viel zu verdanken, sie hat den ständigen Angriffen der SVP, die sie zu einem weiblichen Brutus hochstilisiert hat, getrotzt. Sie hat damit den Bann der Populisten gebrochen. Widmer-Schlumpf ist Ausdruck der politischen Zeitenwende.

Streiten kann man darüber, wer neu für die beiden Polparteien SP und SVP in der Regierung sitzen soll. Die Sozialdemokraten haben für die Nachfolge von Micheline Calmy-Rey mit Alain Berset und Pierre-Yves Maillard zwei starke Kandidaten präsentiert. Beide haben eine Idee von diesem Land, und sie können diese auch mit Verve formulieren. Die SVP portiert mit Jean-François Rime und Bruno Zuppiger zwei altgediente, sogenannte konsensorientierte Politiker, die allerdings nicht zu den quicklebendigen Vertretern ihrer Branche zählen. Sie werden nicht unbedingt dazu beitragen, dass sich die Jungen, deren Zukunft so prekär ist wie selten zuvor, in dieser Regierung vertreten fühlen.

Ja, nun bezahlen wir alle den Preis für eine katastrophale Personalpolitik dieser Partei, die glaubte, der eine aus Herrliberg werde ewig das Zepter schwingen. Aber aus manchem hässlichen Entlein ist im Bundesrat ein stolzer Schwan geworden. Man kann es zumindest hoffen.

Eines jedenfalls ist klar: Nachdem der Schweizer Souverän so klug entschieden und sich aus der politischen Blockade der vergangenen Jahre gewählt hat, ist es nichts als angemessen, dass das Parlament ihm eine Regierung vorsetzt, die dieser Zeitenwende gerecht wird. Anderthalb Monate nach den eidgenössischen Wahlen brauchen wir eine solide Mitte-Regierung, mit bürgerlichem Drall. So und nicht anders wollen es die Menschen.