Findige Wirtschaftskriminelle und korrupte Bürokraten, gestohlene Tochterfirmen und betrügerische Steuerrückzahlungen von 230 Millionen Dollar. Dazu eine umstrittene Moskauer Kleinbank mit Beziehungen nach Wien und ein toter Anwalt – Stoff für einen packenden Wirtschaftskrimi. Und doch geht es bei der bizarren Geschichte, die zwischen Moskau, Wien und einer kleinen Kanalinsel spielt, um mehr: Es geht um ein Zusammentreffen unterschiedlicher Rechtskulturen und um die Frage, wie man im korruptionsgeplagten Russland Geschäfte machen kann und soll – in Österreich ein Thema von nationaler Tragweite. Denn für den Bankenstandort Wien spielen Ostgeschäfte eine zentrale Rolle, vor allem für die Raiffeisen Gruppe, die seit zwanzig Jahren in Russland tätig ist. »Ich bin der Meinung, dass wir in Russland nachhaltig das meiste Geld verdienen werden«, prophezeite Raiffeisen International-Chef Herbert Stepic kürzlich auf der Bilanzpressekonferenz seines Instituts.

Auch der Investmentfonds Hermitage Capital Management, der steuerschonend auf der Kanalinsel Guernsey residiert, warf über viele Jahre hinweg ausgezeichnete Rendite aus Russland-Geschäften ab. Doch plötzlich wurde 2005 das Visum des Investmentfonds-Chefs William Browder, eines britischen Staatsbürgers, der bis zu diesem Zeitpunkt mit den Kreml-Herren gut konnte, nicht mehr verlängert. Seinen Mitarbeitern wehte in Moskau rauer Wind entgegen.

Schließlich übernahmen in Moskau Kriminelle und ihre Komplizen im Innenministerium, beim Geheimdienst, bei der Staatsanwaltschaft und den Steuerbehörden die Kontrolle über russische Tochterfirmen des Fonds. Mit Hilfe ihrer Handlanger in Staatsdiensten stahlen sie Ende 2007 in einer ausgeklügelten Operation fast eine Viertelmilliarde Dollar vom russischen Staat – Steuergelder, die Hermitage zuvor gezahlt hatte. Als Sergej Magnitskij, ein russischer Anwalt des Fonds, Anzeige erstattete, wurde er verhaftet. Die Behörden warfen jetzt Hermitage Steuerhinterziehung vor. Der 37-jährige Advokat starb im November 2009 in Moskauer Untersuchungshaft. Zuvor, so wurde vergangene Woche bekannt, war er von Wachbeamten verprügelt worden.

Wirklich erfreuen können sich die mutmaßlichen Täter an ihren Millionen nicht. Seit Magnitskijs Tod befindet sich Fonds-Chef Browder auf einem globalen Feldzug. Er scheut weder Mühen noch Anwaltskosten, folgt auf der ganzen Welt der Spur des Geldes und macht Involvierten das Leben schwer: Sechzig russische Bürokraten kamen nach einer Anzeige von Hermitage auf Visa-Sperrlisten der USA, und auch Schweizer Ermittler sind bereits eifrig am Werk.

Ganz anders läuft es hingegen in Österreich, obwohl die Verbindung nach Wien offensichtlich ist: Die betrügerische Steuerrückzahlung lief laut Hermitage über zwei Moskauer Kleinbanken. Beide, die Interkommerzbank und die zwischenzeitlich liquidierte Universal Savings Bank (USB), verfügten bei der Raiffeisen Zentralbank (RZB) über sogenannte Korrespondenzkonten, die ihnen internationale Überweisungen ermöglichten. Über diese Konten, behauptet Hermitage, sei in großem Stil Geldwäsche betrieben worden, und die Verantwortlichen in Wien hätten nichts dagegen unternommen. »Völlig ungerechtfertigte Vorwürfe«, kontert eine RZB-Sprecherin und verweist auf eine Prüfung durch die österreichische Finanzmarktaufsicht FMA. Diese hatte, wie immer wieder in verwandten Fällen, zumindest keinen Verstoß der RZB gegen die Geldwäsche-Sorgfaltspflichten festgestellt. Wenn in Österreich über diesen Wirtschaftskrimi aus dem Wilden Osten berichtet wird, wie in dieser Woche in dem Magazin profil , so fehlt jeder Querverweis auf den Agrar-, Finanz- und Medienmoloch unter dem Giebelkreuz.

Dabei hatte Raiffeisen-Klient USB, die Bankbeziehung bestand zwischen 2003 und 2008, eine auffällige Geschichte: Im Westen, so behauptet der Sprecher von Hermitage, wäre die Institution aufgrund eines sehr geringen Eigenkapitals nie als Bank bezeichnet worden: »Es besteht der Verdacht, dass dies eine Einrichtung zur Geldwäsche war. Sie stand im Besitz eines verurteilten Betrügers.« Selbst nach der Verurteilung des Besitzers hätte die RZB, so erklärt Hermitage, ihre Bankbeziehung zur USB weitergeführt, und es wären gestohlene Steuergelder über Wien ins Ausland geschafft worden. Raiffeisen widerspricht: »Umfangreiche interne Untersuchungen haben den Verdacht zerstreut, dass über RZB-Konten Gelder aus betrügerischen Steuerrückzahlungen gelaufen sind. Folglich war die RZB nicht in die Konvertierung von russischen Rubel in Dollar noch in die Überweisung dieser Gelder involviert«, erklärt eine Sprecherin.