Ganz Österreich ist von einem Ring aus Starkstromleitungen umschlossen. Ganz Österreich? Nein! Eine von unbeugsamen Salzburgern bevölkerte Stadt hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Eine Phalanx aus Naturschutzbund, Alpenverein und Bürgerinitiativen, angeführt von SPÖ-Bürgermeister Heinz Schaden, will verhindern, dass eine 380-Kilovolt-Leitung durch das Naherholungsgebiet zwischen Gaisberg und Nockstein geführt wird. Unter dem Motto "Fortschritt vergeht, die Narbe bleibt" stachelt der rote Majestix seine Untertanen zum Aufruhr an. Im Sommer ließ sich Schaden zur Enthüllung eines Riesenplakats sogar vom Mönchsberg abseilen, kurz bevor er im Frack zu den Festspielen spazierte. Am Freitag dieser Woche treffen sich Bürgermeister, Landeshauptfrau und Vertreter des Netzbetreibers. Kommt es zu keiner Einigung, kündigt Schaden bereits zivilen Ungehorsam an. Es ist High Noon in Salzburg, wo sonst nur das Wetter oder die Farbe des Pflasters vor dem Festspielhaus für Aufregung sorgen. Eine Provinzposse zwar, aber in Brüssel sorgt sie bereits für Stirnrunzeln.

In Europa sollen insgesamt 42.000 Kilometer lange Stromautobahnen entstehen. Dass es zum Gelingen der Energiewende stärkere Leitungen braucht, um Energie aus neuen Wind- oder Solarkraftwerken in das Stromnetz einspeisen zu können, bestreitet niemand – auch Heinz Schaden nicht. "Aber diese Trasse ist Willkür", schimpft er. Viele hätten mitgewirkt, dass sie immer weiter in Richtung Berg verschoben wurde. Von seiner Parteikollegin, der SPÖ-Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, fühlt er sich allein gelassen: "Ich glaube, dass es in den Landtag hinein Querverbindungen zu Energieunternehmen und persönliche Kontakte gibt, die zur heutigen Situation geführt haben."

Dabei sah der Plan ursprünglich vor, lediglich die alte 220-Kilovolt-Leitung auszubauen. Doch der Baubescheid dafür wurde 2000 von Anrainern vor Gericht zu Fall gebracht: Das Projekt erfüllte nicht die Voraussetzungen der Umweltverträglichkeitsprüfung. Dazu musste die Verbund AG ihre Aktivitäten als Netzbetreiber in die Austrian Power Grid (APG) auslagern, und das Projekt ging zurück an den Start.

Die Gemeinden ließen derweil ihre Bürger nahe an der 220-Kilovolt-Leitung ihre Eigenheime bauen, wohl wissend, dass eine Leitung mit höherer Spannung der Gesundheit wegen größere Sicherheitsabstände erfordert. 2008, kurz vor den Landtagswahlen, beschloss die Landesregierung ein Gesetz, das Mindestabstände von Starkstromleitungen zu Siedlungen von 400 Metern festlegte, mit dem Zusatz, dass dort, wo dies schwierig sei, eine mögliche Erdverkabelung geprüft werden müsse. Für die APG ein Reizthema: zu kompliziert, zu unsicher, zu teuer. Inzwischen war man auch in Brüssel bereits hellhörig geworden: Der Ringschluss an der Salzach ist für künftige Stromtransporte durch Europa wichtig. Ein deutscher EU-Koordinator wurde von Bundes- und Landesregierung eingeladen. Er sollte das Rudel aufmüpfiger Salzburger zur Räson bringen.

Was er, "der Idiot aus Brüssel", eigentlich hier wolle, wurde Georg Wilhelm Adamowitsch mitunter von den Lokalpolitikern gefragt. Als Erster habe er ausführlich in allen betroffenen Gemeinden diskutiert, sagt er heute: "Die APG hat den Prozess zu lange laufen lassen und mal dieses, mal jenes Argument gebracht. Aber die Menschen haben heute Anspruch auf mehr Information." Eine seriöse Landespolitik hätte sich um eine Regelung bemühen müssen, damit die Mehrkosten für eine teilweise Erdverkabelung auch vom Bund übernommen werden – doch darauf wurde vergessen. Adamowitsch sprach sich daher gegen ein Stromkabel unter der Erde aus, wegen rechtlicher, technischer und wirtschaftlicher Bedenken. Die Landesregierung grollte. Bei der Abschlusspräsentation im Juli 2009 im Chiemseehof wurde dem Deutschen kurzerhand der Strom für das Mikrofon abgedreht.

Es folgten unzählige neue Vorschläge für eine Trassenführung. Bis der Verfassungsgerichtshof im August dieses Jahres eingriff: Da die Leitung über ein Umspannwerk im oberösterreichischen Wagenham führt, sich damit über zwei Bundesländer erstreckt, gelte Bundesgesetz. Damit stand einer Freileitung nichts mehr im Wege – Stadt und Land Salzburg waren ausgebootet worden. Ein Trick sei dieses Umspannwerk gewesen, heißt es aus dem Büro von Energielandesrat Sepp Eisl empört. APG-Projektleiter Wolfgang Hafner kann nur den Kopf schütteln. Es sei immer klar gewesen, dass die Leitung von St. Peter in Oberösterreich bis Kaprun führen werde. Den Aufruhr kann er nicht nachvollziehen: "Die alte Leitung kommt ja weg. Es werden doppelt so viele Masten abgebaut, wie neue errichtet werden müssen."

Doch während in Gebieten, wo abgebaut wird, die Grundstückspreise steigen würden, sei über all jene, die nun überraschend eine Hochspannungsleitung vor die Nase gesetzt bekommen, "drübergefahren" worden, kritisiert Naturschutzbundpräsident Hans Kutil, der Initiator der Bürgerinitiative Guggenthal. Den Nockstein will er verteidigen, sollte der Plan für die Trasse im Frühjahr wie geplant eingereicht werden – notfalls an Bäume gekettet. Die Handschellen, die im Wohnzimmer liegen, sind für Bürgermeister Heinz Schaden. Der Pensionist hat sie im Army-Shop gekauft. "Ich hab nicht gedacht, dass ich mir das auf meine alten Tage noch antue", sagt Rebell Kutil. "Wir sind schon ganz deppert vor lauter Tun."