Das geht nach hinten los, sagte Christa Wolf zum Abschied, hörbar missgestimmt. Statt sie zur jüngst erschienenen Erzählung Leibhaftig zu befragen, hätte ich ihr eine politische Beichte entlockt. Sei es denn nötig, all dies nochmals breitzutreten? Auch Jörg Magenaus kommender Biografie sah sie unbegeistert entgegen: Hätte das nicht warten können, bis ich tot bin? So lange kann’s ja nicht mehr dauern.

Das war im Februar 2002. Anfang April schrieb sie einen herzlichen Brief: Sie habe sich nachträglich gefragt, warum in ihr immer wieder Befürchtungen aufwallten, auch gegenüber Menschen, die das nicht verdienten. Ein Rest von Misstrauen, ein Verlust von Unmittelbarkeit und Zutrauen gegenüber Medienvertretern nach den Kampagnen gegen sie Anfang der neunziger Jahre.

Ich habe Christa Wolf geliebt, wie Völker von Lesern. Diese Weltautorin war keine "DDR-Schriftstellerin". Allerdings hat sie mir, Ostler vom Jahrgang 1956, Herkunft und Hoffnung unseres kriegsgeborenen Halbdeutschlands in einer Weise vermittelt, wie meine Eltern und mein protestantisches Milieu das nicht vermochten. Der verunfallte Staat wurde zum menschlichen Kontinent. Global war auch Christa Wolfs moralischer Horizont, ihr universales Fragen. Wo ist die Mitte der Welt? – Hier, wo ich stehe.

Der Weltort, an dem mich Christa Wolf ergriff, war das Leipziger St.-Georgs-Krankenhaus. Dort jobbte ich 1975 als studentischer Nachtpfleger. Die Station 5 bestand aus zwei großen Sälen. Im einen lagen 33 Frauen, im anderen 33 Männer – Junge, Alte, Senile, die hier zum Sterben abgegeben worden waren. Gegen zwei Uhr zog Ruhe ein. Ich saß im Schwesternzimmer und las Nachdenken über Christa T. Dank der allzu passenden Umgebung fühlte ich mich existenzialistisch aufgeladen. Das Neonlicht summte. Der Bereitschaftsarzt trat ein. Er prüfte meine Lektüre: Wovon handelt das? – Vom Sterben. – Das geht von selbst, dazu braucht man keine Literatur. Er gab mir das Buch zurück und befahl: Erbauen Sie sich, junger Mensch! Lesen Sie Stifter!

In jenen St.-Georgs-Nächten infizierte mich der Christa-Wolf-Sound, dieser grübelnde, rauschende Bewusstseinsstrom der Selbst- und Welterkundung, sie nannte ihr dichtes, rhythmisches Schreiben "ein Sich-Heranarbeiten an die innere Grenzlinie". Wenn ich sie las, fand ich andere Prosa platt. Höchst individuell fasst sie die Menschen, aber niemals privatim. Die Subjekte bilden immer auch Gesellschaft, doch im Konflikt verteidigt Christa Wolf das Individuum. Der Einzelne galt ihr als höchstinstanzliches Subjekt von Erkenntnis und Moral und das persönliche Gewissen als Fortschritt der Geschichte. Die Fortschrittshoffnung DDR war ihr bereits in den sechziger Jahren erstorben. "Ich habe dieses Land geliebt", schrieb sie 1993 an Günter Grass. "Daß es am Ende war, wußte ich, weil es die besten Leute nicht mehr integrieren konnte, weil es Menschenopfer forderte."

Man könnte versucht sein, Christa Wolfs Werk als Kompendium der nachkriegsdeutschen Krisen zu lesen. Der geteilte Himmel: Mauerbau. Kein Ort. Nirgends: Utopieverlust. Kassandra: Trojas Untergang als Archetyp der staatsparteilichen Verrottung und der Freund-Feind-Ideologie. Und dann, 1987, kam Störfall und handelte von Tschernobyl... Bekanntlich maß das Lesevolk der DDR seine Autoren mit der Wahrheitselle. Die bessere Literatur war Ersatz für kritische Medien. Den Verlust dieser Stellvertreterfunktion nach 1989 hat Christa Wolf als befreiend empfunden. Ihre Bücher überdauerten die temporäre Deutung. Kassandra, im Hochrüstungsjahr 1983 erschienen, ist auch 2011 eine epische Sinfonie wider die immergrüne Logik des Kriegs.

Mein Wolfsches Schlüsselwerk sind die spröden Kindheitsmuster: die Geschichte einer Heimfahrt ins Jugendparadies, das nun in Polen liegt. Ist es möglich, ist es erlaubt, so fragte das Buch, sich mit heutiger Kenntnis der Nazi-Gräuel einer glücklichen Kindheit im NS-Staat zu entsinnen? Die Antwort lautete: Ja – als persönliche Erinnerung; als Epochenurteil wäre es Lüge. Diese Unterscheidung von Historie und Einzelgeschick wurde mir zur goldenen Regel des Reporterberufs: Vermittle zwischen Großgeschichte und Biografie. Füge beiden das wechselseitig Fehlende hinzu. Lass die Spannungen gelten. In den Brüchen nisten die Geschichten.

Aber müsste ich ein Lieblingsbuch wählen, so wäre es Kein Ort. Nirgends, die Begegnung der Unbehausten, Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist. Ich nähme jedoch nicht die Einzelausgabe, sondern den Band Ins Unbestimmte gehet eine Sehnsucht. Gesprächsraum Romantik, ein Gemeinschaftswerk von Christa und Gerhard Wolf, das Günderrode und Kleist in einen Kreis mit Hölderlin, Arnim und Heine stellt. Verblüffenderweise weiß der Leser kaum zu unterscheiden, welcher Text von CW stammt und welcher von GW, ihrem Entdecker und Begleiter, dem Schutzmann und Philemon dieses begnadeten Lebens.

Preußisch dosiert und beherrscht, durchwaltet Christa Wolfs Werk ein schmerzlich sentimentalischer Zug. Ohne ihn ist keine Liebe, doch er muss erlitten werden, sonst würde er Kitsch. Die Aufklärerin Christa Wolf war eine deutsche Romantikerin in dem Sinn, dass sie im irreparablen Dissens zum Status quo der Welt wohnte. Diese Empfindsamkeit war ihre Stärke. Tragisch lebte sie keineswegs. Leidenslust, lachte sie, habe sie nicht für ’nen Sechser. "Was ist Glück? Die Fähigkeit, Bindungen einzugehen."

Deren besaß sie viele. Und zahlreich sind meine Erinnerungen: Tage mit Christa Wolf in Horst-Eberhard Richters Ost-West-Gesprächskreis, ihr eigener in Pankow, Tischrunden bei gemeinsamen Freunden. 2009 empörte mich, dass Soldatenradio Andernach, wie zu Adolfs Zeiten der Sender Belgrad, deutsche Auslandstruppen allabendlich mit Lili Marleen versorgt. Sie lächelte: Ein tolles Lied! Und sang mit ihrer tiefen, warmen Stimme eine verballhornte Kriegsversion, die daheim in Landsberg an der Warthe entstanden war: "...ihr müsstet uns mal sehn / wie wir bei Keßner Schlange stehn / für eine Mark und zehn". Unglaubliche achtzig Lieder singt in einer schlaflosen Nacht die Hauptgestalt ihres letzten Buches, Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. Die Seiten 249 bis 251 verzeichnen sie alle, von Als wir jüngst in Regensburg waren bis Freude, schöner Götterfunken. Aus diesem Abschiedswerk las Christa Wolf am 27. Oktober 2010 im überfüllten Leipziger Haus des Buches. Ich befragte sie, auch zu IM "Margarete" und zur vorsätzlichen Parallelisierung von CW- und DDR-Geschichte: Was störte Sie an der Delegitimierung der DDR? – Alles, sagte sie trotzig. Was ist das für eine blöde Frage? – Rauschender Beifall.

Oft kam ich auf meinem späten Pankower Heimweg am Wolfschen Haus vorbei. Immer schaute ich, ob Licht brannte. Wenn ja, war mir, als würde dort Schildwacht gehalten für mich und meine Generation. Meine letzte Erinnerung ist ein mecklenburgisches Sommerstück. Am 13. August 2011, dem fünfzigsten Jahrestag des Mauerbaus, feierten die Freunde Hans und Ruth Misselwitz Doppelgeburtstag auf dem Wolfschen Anwesen in Woserin. Der nasse Sommer verschonte diesen Tag. Vier Generationen spazierten ins Grüne. Die Linden rauschten, die Beatles sangen. Wir tanzten, redeten und hielten Rückschau. Christa Wolf hob das Rotweinglas, wir tranken uns zu.

Dies bleibt mein Schlussbild. Nach Woserin besuchte ich einen anderen Wolfschen Lebensort: Bad Frankenhausen am Kyffhäuser, wo die junge Christa Ihlenfeld 1949 ihr Abitur gemacht hatte. Dort steht, vom Einsturz bedroht, der schiefste Turm der Welt – noch. Am 1. Dezember saß ich in der Berliner S-Bahn und las in der Süddeutschen Zeitung, der Frankenhäuser Oberkirchturm solle fallen. Unwillkürlich dachte ich an Christa Wolf. Kürzlich war ihre Lesung im Pankower Schloss Schönhausen wegen Krankheit ausgefallen. Da klingelte das Handy, und die bestürzende Nachricht traf ein.

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