Die Brücke ins Glück führt vorbei an alten Hafenschuppen, vorbei auch an den glitzernden Wolkenkratzern von Abu Dhabi und schwingt sich weit über einen Arm des Arabischen Meeres. Von hier hat man einen fantastischen Blick auf Saadiyat Island, die Insel der Glückseligen – einen Ort, an dem die Kunst zu einer neuen, nie gesehenen Großartigkeit heranwachsen soll. Nach den Plänen der Scheichs werden mitten im Wüstensand fünf erstaunliche Kulturbauten heranwachsen, das Guggenheim und das Louvre Abu Dhabi, dazu das Nationalmuseum der Emirate, entworfen von Norman Foster, und zwei weitere architektonische Tempel, das Meeresmuseum von Tadao Ando und das Performancecenter von Zaha Hadid . Schon in zwei Jahren sollte das meiste davon fertig sein.

Was aber ist daraus geworden? So nah man sich auch anpirscht an die abgeriegelten Bauplätze: Kein Bagger bewegt sich, kein Kran hat sich hierher verirrt. Nur Sand und Schotterstraßen so weit das Auge reicht. Es kann erstaunlich still sein im Wüstensand.

»Momentan wird tatsächlich nichts gebaut«, sagt Verena Formanek, die als Senior Project Manager für das Guggenheim in Abu Dhabi arbeitet. Seit zwei Jahren ist die Österreicherin bereits im Land, sie konnte viele Erfahrungen sammeln. Und sie ist immer noch von dem Vorhaben begeistert: »Wo auf der Welt investiert eine Regierung schon so viel Geld in Kultur?«

Doch scheint von den kühnen Visionen kaum noch etwas übrig zu sein. Verträge mit Baugesellschaften wurden storniert, die vereinbarten Zementlieferungen für das Guggenheim Abu Dhabi abbestellt, Ausschreibungen gestoppt. Vor ein paar Monaten, erzählen Insider, ging bei Frank Gehry eine bizarre Anfrage ein: ob er seinen spektakulären Entwurf für das Guggenheim nicht ein wenig schrumpfen lassen könne, zu einem kleineren Museum? Gehry lehnte empört ab. Alles oder nichts, forderte er – und endlich einen konkreten Baubeginn. Doch ob und wie es weitergeht, das wissen nicht einmal die Beteiligten.

Erst vor Kurzem wurden 400 meist europäische und amerikanische Mitarbeiter der Tourismus- und Entwicklungsgesellschaft (TDIC) von Abu Dhabi entlassen – darunter auch die Projektleiter der Museen. Zugleich gaben die Behörden bekannt, dass sich die Bauarbeiten hinauszögerten. »Um die Qualität nicht zu beeinträchtigen«, erklärt der Sprecher von TDIC, Bassem Terkawi, »wurden die Fristen hinausgeschoben« – auf einen nicht genannten Zeitpunkt.

Zwar verfügt Abu Dhabi über neun Prozent des bekannten Welterdölvorkommens. Doch auch hier hat die Wirtschaftskrise eingeschlagen. Die Scheichs können sich, anders als vor ein paar Jahren, nicht mehr jeden Wunsch erfüllen. »Die Kassen sind voll«, hieß es kraftstrotzend noch im Sommer. Jetzt wurde das Budget der staatlichen Investitionsgesellschaft TDIC um 27 Prozent gekürzt. Es fehlt an Geld und, so scheint es, auch am nötigen Willen.

Noch ist der Arabische Frühling nicht in den Golf-Emiraten angekommen . Fern scheinen die Aufstände von Tunis, Kairo oder Damaskus. Doch die Stimmung hat sich verändert. Auch am Golf werden gewaltsame Umstürze nicht mehr ausgeschlossen. Die Regierung stellt sich polizeilich und militärisch darauf ein.

Anders als allgemein angenommen, sind die Emirate nämlich keineswegs durchgehend reich. Aus Dubai und aus Abu Dhabi sind seit Januar große Geldströme an die vier ärmeren nördlichen Emirate geflossen. Dadurch haben sich die Prioritäten verschoben. Wie der amerikanische Botschafter Michael Corbin der Art Newspaper mit bemerkenswerter Offenheit erzählte, ist der für die nationale Sicherheit und die Geheimdienste zuständige Scheich Hassa bin Sajed al-Najan im Regierungsapparat zu größerer Bedeutung aufgestiegen – ein Mann, dem Wohnungen und Krankenhäuser wichtiger sind als Kunst und ehrgeizige Museumsprojekte.