Sie ist zwanzig Jahre alt und hat die Welt verändert. Doch das ist ihr nicht genug. Salma Hegab schleppt Tüten und Taschen mit sich herum, darin Medikamente, Verbandszeug, Taschentücher und Desinfektionsmittel für die Demonstranten. Das neue Ägypten ist noch nicht so, wie sie es sich erträumt. Zur Freude über den Sturz von Hosni Mubarak ist neue Furcht gekommen. Seit der Revolution im Februar ist der Herrscher fort, doch das alte Regime hält sich. Die Euphorie über die Macht der Straße ist der Ernüchterung darüber gewichen, was Aktivisten mit Protesten, Blogs und Twittern erreichen können. Wo stehen die Helden der Revolution am Ende dieses Jahres?

Still an einem Tisch zu sitzen fällt Salma Hegab schwer. Verletzte auf dem Tahrir-Platz sind zu versorgen, Zelte zu flicken. Hegab trägt feste Schuhe, Kopftuch, Kajalstift, sie hat ein überwältigendes Lächeln. Alles an ihr sagt: »Ich gehe weiter, egal, wer mich stoppen will.« Das größte Kapital Ägyptens sind Leute wie sie, Idealisten, Revoltierende. Die Studentin der Kommunikationswissenschaften twittert vom Tahrir und schreibt einen Blog , der auch im Ausland gelesen wird. Darin beginnt sie, das wichtigste Jahr ihres Lebens aufzuarbeiten. Ein fröhliches, triumphales, verdammt gefährliches 2011. Bei den jüngsten Aufständen starben mehr als vierzig Menschen in den Tränengassalven der Polizei. In den Militärgefängnissen sitzen mehr als 12.000 Aktivisten.

Wer also ist gefährlicher – die Armee oder die islamistischen Parteien, die bei der ersten Wahlrunde vorige Woche deutlich über fünfzig Prozent der Stimmen holten? Salma Hegab hat in ihrem Wahlkreis für zwei Aktivisten gestimmt, keine Religiösen. Aber die Angst vor den Islamisten hält sie für übertrieben. Scharia für alle? »Das ist in Ägypten unmöglich«, meint sie.

Salma Hegabs Feinde sind bewaffnet. Es sind die Uniformierten auf dem Tahrir-Platz. »Im Februar dachte ich, die Generäle seien auf der Seite des Volks«, sagt sie. In den dramatischen Februartagen zwangen sie Mubarak zum Rücktritt, schützten die Revolutionäre auf dem Tahrir-Platz. Doch dann haben sie selbst die Macht ergriffen, »sie sind Mubarak«, sagt Hegab. Sie würden die Menschen genauso behandeln wie der gestürzte Herrscher. In den vergangenen Wochen bloggte sie viel über sexuelle Belästigung durch Soldaten. Sicherheitskräfte verhafteten Demonstrantinnen und quälten sie mit Jungfräulichkeitstests und Elektroschocks, berichtet sie. Freunde von ihr sitzen im Gefängnis, einige sind im Hungerstreik. Hegab verflucht das Militär nicht. Sie dokumentiert einfach die Unterdrückung der alten Generäle, die Ägypten in der Hand haben und nicht loslassen wollen.

Losgelassen zu werden – auch darum hat Hegab in diesem Jahr gekämpft. Als die Aufstände auf dem Tahrir-Platz im Januar begannen, verboten ihre Eltern ihr, ins Zentrum zu fahren. Für Salma Hegab war die Kontrolle der Eltern eine Qual. Sie war schon vor der Revolution politisch interessiert, prangerte Menschenrechtsverletzungen und Korruption an. Als ihre Eltern sie nicht loslassen wollten, bloggte sie weiter. Bekam eine Fangemeinde im Internet. Wurde mit ihrem Blog später berühmt. Doch der entscheidende Moment des Jahres kam, als sie ihren Vater überzeugte, mit ihr auf den Tahrir-Platz zu gehen. Es gefiel ihm. Und Salma Hegab veränderte sich. Die Revolution, sagt sie, machte sie zur Aktivistin. Was das ist? »Leute, die handeln, wenn irgendwas schiefläuft. Die für ihre Freiheit kämpfen.« Jeden Tag ging sie zum Tahrir, bis Mubarak stürzte. Für sie und die anderen war das der größte Erfolg.

Er konnte nicht überall kopiert werden. Syrien zeige die Grenzen für Aktivisten auf, sagt Hegab. Was sie am meisten erstaunt: » Assads Regime bringt jeden Tag Menschen um und hat immer noch Unterstützer.« Gemeinsam mit anderen ägyptischen Aktivisten sammelt sie Informationen, sie versuchen, Syrien zum wichtigsten Thema auf Twitter zu machen, die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Syrische Aktivisten würden die Leute mobilisieren wollen, »aber in Homs und Hama kann man nicht twittern«. Assad kappe alle Kommunikationskanäle, verbiete Smartphones, isoliere die Aufständischen. »Syrien macht mich traurig«, sagt Hegab. Sie fürchtet einen blutigen Zerfall des Landes, es könne sein, dass der »Sturz des Mörders« am Ende darauf hinauslaufe. Ein bitterer Preis der Freiheit.

In Ägypten gehört zu diesem Preis der Erfolg der salafistischen Islamisten bei der Wahl. Salma Hegab weiß: Vor allem Arme wählen die Radikalen. Deshalb gehen Aktivisten auch in die Armenviertel, reden auf der Straße mit Leuten, die sie über Twitter, Facebook und liberale Fernsehkanäle nicht erreichen. »Das bereichert mich und sie«, sagt Hegab. Ihr Vater habe ihr neulich gesagt, sie habe Glück im Leben, weil sie studieren könne. Das stimmt, sagt sie, aber er habe auch Glück mit seiner Tochter. Von ihr habe er das Twittern gelernt. »Er schreibt von unterwegs und unterstützt die Revolution.« Der einzige Nachteil für Hegab: Ihr Vater kontrolliert sie nun über Twitter.