In dieser Woche spricht Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann vor dem Landesparlament in Hannover. Es geht um den Haushalt des nächsten Jahres. Und wie immer wird der Präsident des Landtags den Politiker mit seinem Titel anreden: »Das Wort hat Minister Doktor Althusmann.« So ist es üblich in Deutschland. Wer hierzulande wissenschaftliche Würden erlangt hat, darf die akademische Ehrenbezeichnung ein Leben lang vor seinem Namen hertragen.

Auch Bernd Althusmann hat dieses Recht. Am Donnerstag vergangener Woche wurde dies noch einmal offiziell bestätigt. Da erklärte die Universität Potsdam, dass sie das Verfahren gegen den CDU-Politiker einstellt. Der derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz darf seinen Doktortitel behalten .

Anfang Juli hatte die ZEIT in einem Artikel gefragt , ob Althusmanns Promotionsschrift ein Plagiat darstellt oder nur ein eklatantes Beispiel schlampiger Wissenschaft ist. Auf der Basis eines umfangreichen Gutachtens zweier Wissenschaftler legte der Beitrag dar, dass der Politiker in seiner Doktorarbeit im großen Stil fremdes geistiges Eigentum verwendet hatte, ohne dies in der üblichen Weise kenntlich zu machen. Nun hat der Potsdamer Kommissionsbericht die Frage beantwortet: Die Dissertation ist kein Betrug, sondern nur Pfusch.

Anders als der Minister es selbst sehen will, gehen seine formalen Verfehlungen jedoch weit über ein paar vergessene Anführungsstriche hinaus. Wenn er weiterhin von »möglichen Zitierfehlern« spricht, verharmlost er seine Versäumnisse. Denn die Prüfungskommission hat in seiner Arbeit eine große Zahl von »Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis« entdeckt. Schon die ersten drei Angaben im Literaturverzeichnis sind fehlerhaft. Zudem erscheinen in der Liste der verwendeten Werke Dutzende Titel, die in der Arbeit selbst überhaupt nicht vorkommen.

Noch gravierender freilich sind die vielen Textfragmente, in denen sich Althusmann anderer Autoren bedient, ohne dies offen und deutlich anzuzeigen. Statt die Übernahmen als Zitate auszuweisen, begnügt sich Althusmann immer wieder mit dem vagen Hinweis »Vergleiche« und lässt den Leser damit über die Trennlinie zwischen eigener intellektueller Leistung und der Übernahme fremder Gedanken im Unklaren. Dass dies keine Petitessen sind, macht der Vorsitzende der Potsdamer Kommission, der Jurist Tobias Lettl, deutlich. Vielmehr handele es sich »um Mängel von erheblichem Gewicht«.

Dennoch ist die Entscheidung des Untersuchungsgremiums im Großen und Ganzen nachvollziehbar , ja in Teilen sogar mutig. Denn angesichts der haarsträubenden Qualitätsmängel der Arbeit wäre es durchaus vertretbar gewesen, Althusmann den Titel abzuerkennen. In der Öffentlichkeit wäre eine solche Strenge gewiss gut angekommen. Verschiedene Experten wie der Münchner Juraprofessor Volker Rieble hatten die Dissertation eindeutig als Plagiat identifiziert. Althusmann habe versucht, so Rieble, sein Abkupfern geschickt mit »Alias-Fußnoten« und umformulierten Texten zu verbergen.

Dass die Potsdamer Prüfer dennoch von der Höchststrafe absahen, zeugt von ihrer Unabhängigkeit. Natürlich erstaunt es, dass jemandem wie Althusmann so viele formale Fehler unterlaufen sind. Schließlich hatte er schon im Leistungskurs Geschichte am Gymnasium in Lüneburg das korrekte Zitieren gelernt. Er scheint das Gelernte vergessen zu haben. Einen Vorsatz beim Täuschen aber konnte die Kommission dem Politiker nicht nachweisen. Dieser Nachweis wäre für die Aberkennung des Titels jedoch notwendig. Insofern lautet ihr Urteil völlig korrekt: Im Zweifel für den Angeklagten.

Die Gutachter übernehmen – das ist ungewöhnlich – in Namen der Universität sogar einen Teil der Verantwortung für die liederliche Arbeit Althusmanns. Sie deuten an, dass die Betreuer der Promotion ihre wissenschaftliche Sorgfaltspflicht verletzt haben. Konkret hätten sie die Dissertation genauer prüfen müssen, zumal die Verstöße, so der Kommissionbericht, »zumindest teilweise ohne Weiteres erkennbar waren«. So hätte dem Doktorvater Althusmanns, dem Wirtschaftsprofessor Dieter Wagner, leicht auffallen können, dass der CDU-Politiker sogar Wagners eigene Werke nicht korrekt zitiert hat.