"Unsere Sekretärin hat sie nicht alle!", ereiferte sich der junge Betriebswirt in der Beratung. "Sie veranstaltet immer ein Riesentheater, wenn ich mal einen Termin mit dem Chef will." Wie der Kontakt zwischen ihm und der Sekretärin ablaufe? "Ich komme rein und sage: ›Bitte einen Termin mit dem Chef, möglichst rasch.‹ Und sie schaut mich an, als hätte ich sie beleidigt – und schiebt mich ab in die nächste Woche."

Er überlegte, sich beim Chef über sie zu beschweren. Seine Diagnose: "Klarer Fall von Selbstüberschätzung!" Dieser Aussage stimmte ich zu – nur dass ich die Selbstüberschätzung woanders sah: bei ihm! Offenbar hatte er keine Ahnung, wie unbedeutend er für seinen Chef war, im Vergleich zu dessen Sekretärin.

Immer wieder erlebe ich, dass Topmanager nur unter einer Bedingung den Arbeitgeber wechseln: Ihre Sekretärin muss mitkommen dürfen – so wie mancher Cheftrainer nur im Doppelpack mit seinem Co-Trainer anheuert. Niemand steht einem Vorgesetzten so nahe wie seine langjährige Sekretärin. Sie spricht für ihn, wenn sie telefoniert, sie tippt für ihn, wenn sie schreibt. Sie bildet eine so enge Einheit mit ihm, dass manchmal unklar ist, wer hier wen führt.

Und jetzt dürfen Sie dreimal raten: Wen fragt der Chef zuerst, wenn er wissen will, wie sich ein neuer Mitarbeiter macht? Wen, wenn er hören möchte, wie die Stimmung ist? Wen, wenn eine Beförderung ansteht? Seine Sekretärin! Sie ist sein stellvertretendes Auge aufs Tagesgeschäft, während er über den Dingen schwebt. Diese subjektiven Ausschnitte der Wirklichkeit, die sie ihm liefert, prägen seine Wahrnehmung. Dabei wiegt, frei nach La Rochefoucauld, das Vertrauen zwischen den beiden schwerer als die intellektuelle Schärfe des Urteils.

Wer hochnäsig durchs Vorzimmer stolziert, wie der junge BWLer, muss dafür einen hohen Preis bezahlen: Das Sympathie-Thermometer der Sekretärin sinkt unter den Gefrierpunkt. Und ein solcher Frost breitet sich blitzschnell vom Vorzimmer ins Chefbüro aus. Hätte der Betriebswirt sich über die Sekretärin beschwert, seine Beziehung zum Chef wäre in der Eiszeit gelandet.

Der umgekehrte Weg bringt mehr: Wer einen guten Draht zur Chefsekretärin entwickelt, wer immer wieder mit ihr plaudert, zum Mittagessen geht und sie als Individuum achtet, der bekommt nicht nur schnellere Termine – sondern hat auch einen besseren Ruf beim Chef.