DIE ZEIT:Afghanistan ist ein gefährliches Land für Entwicklungshelfer. Warum engagieren Sie sich dort?

Peter Schwittek: Als ich 1972 zum ersten Mal nach Afghanistan kam, stand das Land noch mehr für Tourismus als für Terrorismus. Mir gefiel es dort so gut, dass ich von 1973 an für vier Jahre Mathematik an der Universität Kabul lehrte. Danach habe ich das Land regelmäßig besucht, organisierte kleinere schulische und medizinische Hilfsprojekte. 1998 wurde ich sozusagen offiziell Entwicklungshelfer: Ich übernahm die Leitung des Kabuler Caritas-Büros.

ZEIT: Also in einer Zeit, in der die Taliban das Land regierten.

Schwittek: Bilder, Spiele und weltliche Lieder waren Sünde. Musikern, die bei einer Hochzeit aufspielten, wurden die Finger gebrochen. Männer ohne langen Bart wurden inhaftiert, Frauen ohne Burka verprügelt. Mädchen durften nicht mehr zur Schule gehen. Die NGOs konnten wenig mehr tun, als Essen an Hungernde zu verteilen. Teilweise versuchten sie, Mädchen heimlich in Privatwohnungen zu unterrichten. Doch das war gefährlich. Hauslehrerinnen verschwanden spurlos.

ZEIT: Und ausgerechnet in dieser Situation wollten Sie Schulunterricht für Mädchen anbieten – noch dazu öffentlich, in Moscheen?

Schwittek: Auf diese Idee wäre ich selbst nie gekommen. Aber eines Tages stand ein Mullah in meinem Büro und bat um Hilfe. Er wollte in seiner Moschee Schulunterricht anbieten – für Jungen und Mädchen. Ich hielt das für verrückt. Doch es stellte sich heraus, dass er über Kontakte bis in höchste Regierungskreise verfügte. Ich merkte: Es gab eine Gruppe gemäßigter Taliban, die zwar nicht wagten, die offizielle Linie zu kritisieren, aber im Kleinen taten, was sie für vernünftig hielten.

ZEIT: Und Sie konnten einfach so in Moscheen Schulen einrichten, ohne Widerstände?

Schwittek: Für Taliban-Verhältnisse hielten sich die Probleme in Grenzen. Wir begannen, in der Moschee des Mullahs Kinder in Religion, Mathe und der Landessprache Dari zu unterrichten. Erste bis sechste Klasse. Jungen und Mädchen. Nach einigen Wochen wurde das Ministerium für islamische Angelegenheiten vorstellig, das davon Wind bekommen hatte. Wir schluckten. Aber das Ministerium fühlte sich lediglich übergangen. Es verlangte, an dem Programm beteiligt zu werden.

ZEIT: Sie entschieden, mit dem Taliban-Regime zusammenzuarbeiten?

Schwittek: Ich hatte ja bereits gelernt, dass es unter den Mullahs Leute gab, mit denen man reden konnte. So war es auch hier. Die Zusammenarbeit lief gut. Unser Schulprogramm wuchs, bald unterrichteten wir um die 10.000 Kinder in 15 Moscheen. Ich kümmerte mich um den Mathe- und den Sprachunterricht. Die Mullahs waren für Religion zuständig.

ZEIT: Sie hatten keine Sorge, so den Islamisten zuzuarbeiten?

Schwittek: Nein. Es herrschte Vertrauen zwischen uns. Religion ist für die afghanische Gesellschaft etwas sehr Wichtiges, und es wäre töricht, sich als Außenstehender zu sehr einzumischen. Was uns Deutschen an Afghanistan Angst macht, sind ja die Radikalen, die Fanatiker. Aber das sind gerade diejenigen, die aus der Tradition herausgerissen sind. Die Haltlosen. Eine religiöse Tradition gibt Halt.

ZEIT: Bald nach dem 11. September 2001 endete die Taliban-Herrschaft. Brauchte es da noch Moscheeschulen?

Schwittek: Das habe ich mich auch gefragt. Schließlich standen die staatlichen Schulen den Mädchen wieder offen. Doch das Ministerium für islamische Angelegenheiten stimmte uns um. Konservative Familien, sagten uns die Beamten, würden ihre Töchter niemals auf eine staatliche Schule schicken. Die Hemmschwelle sei zu groß.