Das Bild vom Wissenschaftler, der sich jahrzehntelang ins Labor vergräbt und sich für nichts anderes interessiert als seinen Forschungsgegenstand, gehört längst in die Abstellkammer für Klischees. Moderne Naturwissenschaftler arbeiten interdisziplinär und international, sie verkaufen Produkte, managen Projekte oder ganze Firmen. Sie machen Karriere in der Unternehmensberatung, im öffentlichen Dienst, sind als Wissenschaftsmanager, Investmentbanker oder Patentanwälte gefragt, oder sie gründen eigene Unternehmen.

Schon drei Viertel aller Physiker arbeiten heute nicht mehr im »Zielberuf«, sondern in angrenzenden Disziplinen, etwa als Informatiker oder Ingenieure. Und immerhin jeder Zehnte ist als Manager oder Unternehmensberater tätig. Das zeigt die Studie Physikerinnen und Physiker im Beruf, welche die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) in Auftrag gegeben hat. »Auch wenn gerade die Physiker schon immer eine große Branchenflexibilität aufgewiesen haben, hat uns die Zahl schon überrascht«, sagt Lutz Schröter, verantwortlich für Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen im Vorstand der DPG. Physiker gelten als die Generalisten in der Naturwissenschaft, als »Alleskönner«, die zwar keinen eigenen Industriezweig hinter sich haben, aber fast überall beteiligt sind, wo Forschung betrieben und Produkte entwickelt werden. Sie waren damit Pioniere des interdisziplinären Arbeitens, das heute allen Naturwissenschaftlern abverlangt wird.

An den Hochschulen spiegelt sich das – befördert durch die Umstellung auf Bachelor und Master – eindrücklich wider: So gibt es beispielsweise 1.300 verschiedene Studiengänge, die mit Biologie verbunden sind. Aufgelistet hat sie der Branchenverband VBIO in seinem aktuellen Onlinestudienführer Biowissenschaften. Dazu gehören Biochemie, Biopsychologie, Bioinformatik, aber zum Beispiel auch Water and Coastal Management.

In der Praxis hat sich interdisziplinäre Teamarbeit inzwischen fast überall durchgesetzt. »Bei unseren Projekten sind von Anfang an auch Marketing- und Vertriebsexperten mit dabei, manchmal sind sie selber Naturwissenschaftler, aber längst nicht immer«, sagt Jörg Leuninger, der die europaweite Rekrutierung beim Chemieunternehmen BASF leitet.

Soziale Kompetenzen sind gefragt

Antje Kückemanns, verantwortlich für die Führungskräfteentwicklung bei der Fraunhofer-Gesellschaft, die in Deutschland rund 7.500 Wissenschaftler an 40 Standorten beschäftigt, sagt: »Natürlich müssen auch Physiker oder Biologen in der Lage sein, ihre Ergebnisse Fachfremden zu vermitteln, sei es im eigenen Team, oder – genauso wichtig – gegenüber dem Kunden. Dafür brauchen sie soziale Kompetenzen und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen«.

Allgemein gilt: Wenn der eine nur in biologischen Fachbegriffen redet, der andere die Probleme mit chemischen Formeln beschreibt und der Dritte in Marketingkategorien denkt, wird die Verständigung schwierig. Umso mehr, wenn nicht nur verschiedene Professionen, sondern auch unterschiedliche Kulturen beteiligt sind. Deshalb gewinnt neben der sozialen Kompetenz auch die interkulturelle Erfahrung, gerade für Naturwissenschaftler, immer mehr an Bedeutung. Große internationale Arbeitgeber wie BASF erwarten von ihren Arbeitnehmern eine große Offenheit und Flexibilität, fördern Auslandsstationen – im Unternehmen oder in der Wissenschaft. Zwar muss nicht jeder Naturwissenschaftler während der Ausbildung oder später ins Ausland gehen, aber es kann von Vorteil sein. »Von einem Chemiker in der Forschung wird nicht unbedingt erwartet, dass er schon Erfahrung aus zwei verschiedenen Ländern mitbringt. Aber das Thema wird auch bei uns immer wichtiger«, sagt Karin Schmitz, die Leiterin des Berufs- und Stellenmarktes bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Und wer angewandt arbeitet, kommt am Weltmarkt ohnehin nicht vorbei.