Sorgsam in Plastikhüllen verpackt, hängt die Predigt "Ein neuer Himmel und eine neue Erde" am Anschlagbrett. Die Zürcher Occupy-Bewegung, die sich von niemandem vereinnahmen lassen will, und schon gar nicht vom Christentum, erweist Pfarrerin Verena Mühlethaler die Reverenz. Seit Mitte November, als die Stadtpolizei die "Empörten" vom Lindenhof vertrieb, genießen sie Gastrecht auf dem Areal der reformierten St.-Jakobs-Kirche am Stauffacher.

An die dreißig Occupy-Leute kamen am ersten "Besetzungssonntag" in die Kirche, weinten in den Bänken, riefen dazwischen, klatschten am Ende der Predigt. Und obschon die Besetzer, unter die sich viele Alkis mischten, unterdessen ihre Zelte abgebrochen haben, um nicht als "versoffener Haufen" wahrgenommen zu werden, bleibt der Stauffacher ihre Heimstatt. Mit Transparenten und Infoständen.

Doch wer ist diese Pfarrerin, welcher der Brückenschlag zwischen Landeskirche und Occupy-Bewegung geglückt ist? Und soll sich die Kirche mit den "Empörten" solidarisieren?

Verena Mühlethaler, 39, öffnet im vierten Stock ihre nüchternen Amtsräumlichkeiten. Zuoberst auf dem Mahagoni-Büchergestell thronen über klassischer und feministischer theologischer Literatur die geerbten Folianten von Karl Barths zerlesener Dogmatik. Mühlethaler, eine wache Frau, macht dem Gast erst einmal einen Kaffee.

Der Stadtzürcher SVP-Präsident trat wegen ihr aus der Landeskirche aus

Die Tochter eines Schweizer Mathematiklehrers und einer holländischen Germanistin verteidigt das Gastrecht für die Occupy-Bewegung. Im Gespräch wie auch öffentlich. "Propheten, das waren keine Wettervorhersager, sondern sie haben gesellschaftliche Missstände beim Namen genannt", sagt die Pfarrerin. Oder sie zitiert Gottfried Wilhelm Locher, den Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: "Ohne Aussagen zum Hier und Heute ist das Evangelium von Jesus Christus kraftlos. Das Heil liegt nicht in der Zukunft, es beginnt jetzt: Christinnen haben sich gesellschaftlich einzumischen."

Diese Einmischung goutierten nicht alle ihrer Schäflein. Der Stadtzürcher SVP-Präsident Roger Liebi ist unter Absingen wüster Lieder aus der Landeskirche ausgetreten. Und Mühlethalers vorgesetzter Amtsbruder, der neue Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller, monierte, man hätte nicht aktiv auf die Lindenhof-Besetzer zugehen sollen, und ihnen bis zum 5. Januar "Kirchenasyl" zu gewähren sei zumindest problematisch.

Ein anderes SVP-Mitglied aber schreibt der Pfarrerin einen anonymen Brief: "Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber Ihr Mut ist bewundernswert." Die beigelegte Hundertfrankennote floss in die Occupy-Kasse, wo sie zu warmer Ratatouille wurde.

Was aber treibt Verena Mühlethaler? Woher diese Entschlossenheit? Als Lateinschülerin, die Orgeldienste im Toggenburger Krinau versah, lauschte sie den spannenden Predigten von Pfarrer Hans-Jörg Fehle, der frisch aus dem Studium auf die Krinauer Kanzel gekommen war. Und Fehles Gefährtin, die Theologin und Ethikerin Ina Prätorius, zeigte der Maturandin: "Theologie hat viel mit mir selber zu tun, aber auch mit aktuellen Fragestellungen und Themen. Man kann zu allem einen theologischen Bezug herstellen. Und aufgrund der Bibel ethisch reflektieren." So studierte Verena Mühlethaler in Bern und Amsterdam Theologie. Hier der Reigen der feministischen Theologinnen, dort eine Arbeit über Karl Barths Römerbrief und eine Theologie, die herausgefordert ist, sich im babylonischen Multikulturalismus der niederländischen Hafenstadt zu bewähren.

Bei Karl Barth fasziniert Verena Mühlethaler, wie er im Römerbrief zu einer Theologie fand, die nur in Christus Gott erkennen will und trotzdem nicht weltfremd ist. Und natürlich seine Widerborstigkeit gegen die Weltwirren. Als Hitler an die Macht kam, bewährte sich Barth als federführender Vordenker der Bekennenden Kirche. Seine Theologie, niedergelegt in der Barmener theologischen Erklärung von 1934, wurde ein Manifest der Ermächtigung zum Widerstand, während viele seiner Kollegen und die deutsche Amtskirche als Ganzes versagten.

Netzwerken, Hoffnung geben, das war immer ihr Geschäft

Die Theologin Mühlethaler selber wird in Rotterdam in die urban mission eingeführt. Das hat mit herkömmlicher Missionierung nichts zu tun, sondern mit dem wachen Helfen und Hinschauen in den Quartieren, wo Kirchen zu Moscheen werden – und schließlich der Abrissbirne zum Opfer fallen. Traditionsabbruch total. "Es ist lebensgefährlich, unreflektiert in einem solchen Bereich arbeiten zu gehen." Die Mahnung ihres Rotterdamer Supervisors hat Verena Mühlethaler bis heute im Ohr.

Im frommen Baltimore, an der amerikanischen Ostküste, lernt sie später die Techniken eines community organizers, eine Ausbildung, die auch der junge Barack Obama machte – und wenn sie das erwähnt, klingt Stolz in ihrer Stimme. Diese Kenntnisse setzt sie in der neuen deutschen Hauptstadt Berlin um. Im Quartier Schöneweide, im Volksmund ob der Trostlosigkeit der Industriebrachen "Schweineöde" genannt, führt sie auf Augenhöhe Bürger und Behörden zusammen. Netzwerken, Hoffnung geben, das ist ihr Geschäft.

Man wird nun verstehen, mit welcher Begeisterung die Aussersihler Kirchenpflegepräsidentin Jutta Müller von Pfarrerin Mühlethaler spricht. Sie lockt sie aus dem idyllischen Kirchlindach im Kanton Bern in die Citykirche. Das Pfarramt im Zürcher "Chreis Cheib", das sie 2010 antritt, als Nachfolgerin des stadtbekannten Anselm Burr, bietet zumindest den Hauch einer Chance, das in Holland und den USA Gelernte in der Schweiz umzusetzen.

Doch wie verkraftet sie die Mehrfachbelastung mit Gemeindearbeit im Zürcher "Chreis Cheib", der stressigen Adventszeit und den politischen Diskussionen um das Gastrecht für die Occupy-Bewegung?

Verena Mühlethaler sieht vor allem Synergien. Während sie in anderen Jahren in eine lethargische und depressive Stimmung hinein mit einer etwas kitschigen Botschaft zu leuchten versucht habe, wachse im Advent 2011 den Bibelworten aus dem Geschehen um Occupy neuer Sinn. Gerade habe sie in einem Altersheim über Marias Lobgesang, das Magnificat, gepredigt. "Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen." Ein revolutionärer Text, der plötzlich neu erstrahlt. Daraus schöpft sie die Kraft, mitten in den apokalyptischen Ängsten der heurigen Adventszeit Hoffnung zu säen.