Der Hype ist groß, die Quote bombastisch. Und natürlich schauen auch wir ganz fasziniert das neue Castingshowformat in Kuschelform. Bei The Voice of Germany ist alles so anders als bei der prolligen Konkurrenz: Tritt der Kandidat auf die Bühne, dreht ihm die Jury den Rücken zu. Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey und die Jungs von The BossHoss dürfen nur hören, nicht sehen. Gefällt ihnen die Stimme, drücken sie auf den Buzzer, und der Kandidat kommt in ihr Team. Wollen mehrere Jurymitglieder ihn haben, hat der Kandidat die Wahl.

Ist es nicht wunderbar, wie sich das Prinzip des Stärkeren umkehrt und nicht mehr die Kandidaten um die Gunst der Jury buhlen, sondern eine Juryprominenz die Kandidaten umschmeichelt? Und ist es nicht wunderbar, was für eine Qualität da auf der Bühne steht – endlich keine kreischenden Teenager mehr, die jeden Ton versägen und sich für ihr Leben blamieren?

Nein, müssen wir an dieser Stelle streng sagen. Das Wohlfühlprogramm ist gar nicht wunderbar. Denn es zerbröselt die Idee der Castingshow. Warum sind Castingshows so beliebt? Weil sie für den Traum stehen, dass wirklich jeder Mensch durch die gläserne Decke schießen, berühmt, reich und erfolgreich werden kann. Es ist der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, der American Dream.

Was aber passiert bei The Voice of Germany mit diesem Traum? Wer hier als hoffnungsfroher Laie antritt, muss den ungleichen Kampf gegen Profis aus dem Musikbusiness aufnehmen. Profis kommen aus dem Maschinenraum der Popmusik und treten hier an, um aus ihrer Anonymität auszubrechen. Männer mit jahrelanger Musicalerfahrung, die ehemalige Sängerin von Captain Jack, die ehemalige Sängerin von Culture Beat, sie erdrücken die Laien mit ihrer Professionalität. Die singende Mittelklasse und die Jury-Oberklasse teilen sich den Kuchen. Die Unterklasse schaut hier mal wieder nur in die Röhre.