Es gibt drei Arten von Literatur. Die erste Gattung ist die größte und die umfassendste von allen. Sie beschäftigt sich mit dem, was wir nicht kennen und was wir nicht erlebt haben, und sie wird von Autoren geschrieben, die das, von dem sie schreiben, ebenfalls nicht kennen und auch gar nicht kennen können, weil sie es ebenso wenig erlebt haben wie wir und auch gar nicht erleben können. Sie wird so massenhaft geschrieben und gelesen, weil wir mit ihr keinerlei Berührungspunkte haben und es deshalb auch keinerlei Probleme gibt, die sie für uns mitbringen könnte. Was sie mit sich bringt, ist dagegen Abwechslung und Erholung, das heißt eine Form von kurzweiliger Ablenkung von uns selbst und unserem eigentlichen Leben.

Hierzu gehören diverse historische Romane, hierhin gehört die meiste Science-Fiction- oder Fantasy-Literatur, hierhin gehören Bücher, die unbedingt auf unentdeckten Südseeinseln oder sonstwo spielen müssen, weil man da selbst gern hinwill oder es da ganz toll und eben sehr erholsam oder exotisch findet, die vom Schicksal der Hexen im Mittelalter erzählen, die man nicht kennt und mit denen man nichts zu tun hat, oder die von brillanten Musikvirtuosen oder dergleichen erzählen, obgleich weder der Leser noch der Autor weiß, was so ein Virtuose eigentlich ist. Selbst wenn eine solche Literatur über vorgefertigte Bilder hinauskommen mag, so hat sie doch erkennbar nie etwas mit dem Leben aller Beteiligten zu tun. Letzten Endes bewegt man sich in Fantasiewelten, die von uns völlig abgeschnitten sind.

Wenn heute jemand ankommt, der, sagen wir, dreißig Jahre alt ist, aus Paderborn stammt und plötzlich über Juden im Berlin der dreißiger Jahre schreibt, keinerlei Juden in der Familie hat, nichts mit Berlin zu tun hat und eigentlich auch überhaupt nichts mit damals zu tun hat, sondern sich bloß für dieses Thema interessiert, so wie man sich eben für das Apolloprogramm oder Napoleons Feldzüge interessiert, aus welchen Gründen auch immer, dann muss das per se nicht schlecht sein, es könnte natürlich genial werden, aber im Regelfall bleibt es eher austauschbar. Warum sich jemand gerade für Juden im Berlin der dreißiger Jahre interessiert und nicht für Napoleons Feldzüge, kann hierbei vielerlei Gründe, auch solche moralischer Natur haben, kann mit Gedanken wie Aufarbeitung, Verstehenwollen zu tun haben (»wie konnte es kommen, dass...«) oder es zumindest suggerieren, es kann auch einfach wohlfeil auf dem gegenwärtigen Markt sein, dieses Thema zu wählen, all das macht keinen Unterschied, denn der Autor hat zu dem gewählten Thema bloß eben den Zugang, den er auch zu den Napoleonischen Kriegen oder Hexen im Mittelalter hätte. Seine Literatur dient dann zwar vordergründig nicht unbedingt der Entspannung und Erholung, aber letztlich doch etwas Ähnlichem, einer Art von Erbauung. Diese Erbauung hat allerdings keinen erkennbaren Bezug zu ihm oder uns, sondern zu einem Allgemeindiskurs, den wir nun einmal moralisch für verpflichtend halten und daher offenbar ebenso regelmäßig bedient sehen wollen wie unsere Sehnsucht nach den unentdeckten Südseeinseln, um bei unserem Beispiel zu bleiben.

Gattung zwei wird geschrieben von Leuten, die sich durch etwas Besonderes auszeichnen, das uns interessiert und das sie in ihrer Literatur irgendwie thematisieren. Es reicht übrigens, dass wir glauben, sie würden es thematisieren. Und selbst wenn sie es nicht thematisieren, halten wir genau das im Regelfall für die Thematisierung und interessieren uns im selben Maße dafür, als würden sie es explizit thematisieren. Die Liste der Beispiele ist so lang, dass es einfacher wäre, aufzulisten, was für uns keine besondere Auszeichnung und dadurch eben nicht interessant ist. Grundlegend gesagt, wollen wir von dieser Literatur etwas erfahren, und zwar etwas, was sehr deutlich und an der Oberfläche jederzeit erkennbar mit dem speziellen, ausgezeichneten Leben der betreffenden Person zu tun hat. Dieses an der Oberfläche Erkennbare muss für uns in irgendeinem Diskurs- oder Modezusammenhang stehen, dadurch wird es interessant.

Um ein fiktives Negativbeispiel zu geben: Man komme aus Westfalen, der Vater Rechtsanwalt, die Mutter Hausfrau, keine Exzesse in der Familie, keine Selbstmordversuche, »Drittes Reich« kein Thema, zudem zeichnet sich die betreffende Person durch keine besondere Tätigkeit aus, neigt nicht zu ungewöhnlichen sexuellen Praktiken, bereist nicht verhaltensauffällig das Ausland, war nie in der Psychiatrie et cetera. Kurz, ein Nichts. Ein solches Nichts kann niemals zur Literatur der Gattung zwei gehören. Dieses Leben steht ja für nichts außer eben vielleicht für die größtmögliche, völlig unspektakuläre Allgemeinheit, für die wir uns ja nicht interessieren, weil wir alle im gleichen Maße an ihr teilhaben und sie deshalb gar nicht wahrnehmen, sie uns also selbst wie ein Nichts vorkommt. Und wer ohne jeden Migrations- oder Sonst-wie-Hintergrund aus Paderborn kommt und keine besonderen Vorlieben oder Nachteile hat oder thematisiert, hat der Meinung der Mehrheit nach in erhöhtem Maße Anteil eben an nur: nichts.

Die Liste der Positivbeispiele kann jeder selbst erstellen, eben aufgrund seiner eigenen Interessenslage. Sei es, dass man etwas lernen, etwas erfahren will, gewisse Sehnsüchte nach dem Leben der anderen hat oder wie auch immer oder dass einem das Schicksal anderer eben als Schicksal und daher interessant erscheint, das eigene aber (»Paderborn«) nicht. Ich könnte auch Osnabrück sagen.

Also, hier die Positivliste, zumindest ein Millipromille davon. Und, nota bene, hier kann man nun nicht sagen, ich habe Hexen im Mittelalter erlebt, war ihr Opfer, hatte Sex mit ihnen, ich habe an Napoleons Feldzug gegen Russland teilgenommen, habe an Kutusows Gegenbewegung teilgenommen, habe mein Haus in Moskau verbrannt et cetera.

Nein, in Kategorie zwei muss es heißen: Ich bin Ausländer (das heißt ich bin Türke in Deutschland, Deutscher in Kanada, komme als Kanadier auf Reisen nach Deutschland und finde da alles kurios), ich bin Muslim, Jude, Christ, ich war bei einer Revolution dabei, komme aus der DDR, meine Eltern kommen aus der DDR, ich komme aus Ungarn, Rumänien et cetera, ich bin homosexuell, ich bin heterosexuell, ich war mit Bob Dylan auf Tournee, ich wäre so gern einmal mit Bob Dylan auf Tournee, ich hatte Sex mit Bob Dylan, ich bin in der Psychiatrie, weil ich gern Sex mit Bob Dylan hätte, ich bin ein bekannter deutscher Literaturkritiker und gelangweilt, ich bin Gianna Nannini und bekomme mit soundso viel noch ein Kind, ich bin überhaupt Gianna Nannini. Oder ich bin Gysi oder Kohl oder sonst irgendwas. Für den Leser bleibt in all der Diversität dieser Themen doch eins immer gleich: Literatur der Kategorie zwei kommt immer daher, dass jemand etwas erlebt hat oder in etwas hineingeboren ist und dieses den Leser interessiert. Warum Leser sich, zumindest in den meisten Fällen, für Kategorie zwei interessieren, ist leicht zu beantworten. Autoren der Kategorie zwei bekommen von ihrem Leben, im Sinne eines dankenswerten Angebots, einen Erzählgegenstand aufgedrängt, sagen wir einfach eine Erzählung, ihre Erzählung. Ob sie dadurch auch zu einer wirklich autochthonen eigenen Erzählung kommen, sei dahingestellt. Aber die anderen interessiert es eben deshalb, weil sie von ihrem Leben selbst keine solche Erzählung aufgedrängt bekommen oder das zumindest glauben: »Diese Autoren haben ein Leben, und ich bin ein Nichts. An meinem Leben ist nichts besonders interessant. Nichts an meinem Leben klingt gut oder irgendwie besonders aufschlussreich. Ich hatte nicht einmal den Wunsch nach Sex mit Bob Dylan.«