Keine Viertelstunde braucht man, um die Altstadt von Maastricht zu durchqueren: verwinkelte Gassen, mittelalterliche Plätze und moderne Architektur. Überall hört und sieht man, was Maastricht prägt, das Sprachengemisch und die Studenten. 15.000 sind es an der Universität Maastricht, fast die Hälfte davon Ausländer, viele kommen aus Deutschland. Maastricht liegt mitten in Europa, aber Europa liegt auch in Maastricht, vielleicht mehr als anderswo. Es ist das Europa der kleinen Universitätsstädte, das bunte, vielsprachige. Eine Spielzeugvariante des großen Modells. Die Idee von Europa ist hier Realität geworden, im Kleinen zumindest.

Ich habe hier von 2003 bis 2006 European Studies studiert, einen interdisziplinären Europa-Studiengang. Wie alle habe ich ein Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und Niederländisch gesprochen und bin mit meinem alten Hollandrad durch die gepflasterten Gässchen gerattert, bis die Speichen abfielen. Habe Vorlesungen zur europäischen Identitätsbildung besucht, EU-Vertragsrecht gepaukt und gelernt, was eine EU-Verordnung ist, was Subsidiarität heißt und was die »Schlange im Tunnel« mit dem Euro zu tun hat.

Für uns waren es optimistische Zeiten. Als die EU am 1. Mai 2004 zehn neue Mitglieder bekam, hockte ich mit Kommilitonen auf einem alten Sofa. Wir sahen uns die Fernsehbilder der jubelnden Tschechen, Litauer und Zyprioten an und machten eine Flasche Sekt auf. In Deutschland begrüßte nur jeder Fünfte die Osterweiterung. Ihnen ging die Erweiterung der Union zu schnell und zu weit. Bei uns drehte sich alles ums Miteinander, ums Zusammenleben. Wir diskutierten, ob wir uns eher als Europäer oder als Deutsche, Polen, Franzosen fühlten, und wälzten unter großem Gelächter Klischees: Die Deutschen sind humorlos, die Briten Antieuropäer, bei den Belgiern ist alles furchtbar kompliziert. Als 2004 die Franzosen und Niederländer Nein sagten zur europäischen Verfassung, konnte ich ihre Gründe, die Furcht vor einem europäischen Superstaat, zwar nachvollziehen. Aber gefühlsmäßig waren das Nachrichten von einem Planeten, der mit meinem nicht viel zu tun hatte. Wir haben uns gefragt, wie man die EU besser machen kann. Wie man die Integration demokratischer, sozialer, bunter gestalten kann. Ob wir Europa überhaupt wollen, haben wir uns nie gefragt. Europa war einfach da, und wir waren mittendrin.

Und jetzt? Verschwindet mit der Euro-Krise dieses Urvertrauen? Befürchten die Studenten, dass die EU abgeschafft wird, während sie sich auf Brüssel vorbereiten? Sollte man wirklich ausgerechnet jetzt einen Europa-Studiengang anfangen? »Na klar. Jetzt erst recht«, sagt Anita Negri. Die Italienerin ist mit ihren 18 Jahren so etwas wie ein Europa-Profi. Wegen der vielen Umzüge ihres Vaters, eines Geschäftsmanns, hat sie internationale Schulen besucht und spricht fließend Englisch. Biografien wie ihre sind hier aber nicht die Regel, die meisten ihrer Kommilitonen sind keine Diplomatenkinder, sondern kommen wegen des internationalen Flairs und der guten Studienbedingungen.

Anita kann sich nicht vorstellen, dass die Union auseinanderbricht. »Und selbst wenn«, sagt sie gelassen, »dann müssen wir die EU eben umbauen. In ein Europa der zwei Geschwindigkeiten oder so.« Ihre Kommilitonin Mareike Müller sieht das ähnlich: »Es wird für diese Probleme neue Lösungen geben, und ich glaube, das ist einer der Gründe, warum so viele Leute European Studies studieren wollen.« Trotzdem sei es für die 20-Jährige immer ein kleiner Schock, zu Hause in Deutschland zu merken, wie schlecht die Stimmung in Bezug auf Europa ist. »Unser Studium hier hat schon ein bisschen etwas von einer Parallelgesellschaft.«